Vernissagenrede von Carola Justo am 26. 2. 2017
Den Himmel berühren
Ausstellung mit Bildern von Carola Justo
im Sara-Nussbaum-Zentrum vom 26. 2. – 10. 4. 2017

 

Vor 4 Jahren stellte ich in diesen Räumen aus, damals war es das Bildungshaus St. Michael. Soweit ich weiß, war es die letzte Kunstausstellung dieser Institution, da das Haus im selben Jahr schloss. Nun beherbergt dieses Gebäude das Sara-Nussbaum-Zentrum, und ich freue mich sehr, hier als eine der ersten Kunstschaffenden ausstellen zu dürfen. Mit dieser Ausstellung im Sara-Nussbaum-Zentrum erfüllt sich für mich ein lang gehegter Wunsch, denn schon lange wünschte ich mir, in einer jüdischen Einrichtung meine Bilder präsentieren zu können. Als ich zum ersten Mal in der Zeitung las, dass Frau Ilana Katz mit der Übernahme des Hauses ein Zentrum für jüdisches Leben plante, in denen es kulturelle Angebote und auch Ausstellungen geben würde, und dass es ein Ort sein würde, an dem Menschen jeglicher Konfession und Kultur willkommen sein würden, war mir klar: da möchte ich ausstellen. Nachdem das Zentrum dann eingeweiht wurde, bewarb ich mich um eine Ausstellung und wurde sogleich angenommen.

Dafür danke ich Frau Katz, die leider nicht heute nicht anwesend sein kann, sehr herzlich und dafür, dass Sie als Gründerin und Geschäftsführerin des Sara-Nussbaum-Zentrums einen schönen Rahmen für die Ausstellung bietet. Ein großer Dank geht auch an Frau Elena Padva, die das Sara-Nussbaum-Zentrum leitet. Ihre Hilfe bei der Vorbereitung dieser Ausstellung war sehr umfangreich, und die Zusammenarbeit mit Ihnen war und ist sehr angenehm. Allen, die außerdem mitgeholfen haben, dass wir heute diese Ausstellungseröffnung genießen können, möchte ich herzlich danken, nicht zuletzt meinem Mann für seine vielfältige Unterstützung, meiner Tochter Sonnya, die die Fotokarten verkauft und meinem Sohn David, ohne den es diese Karten nicht gäbe.

Frau Lilia Gilmanova sei herzlich gedankt für ihre zauberhafte musikalische Darbietung, die die Seele zum Klingen bringt.

Die Seele zum Klingen bringen, diese hohe Aufgabe hat die Musik, die bildende Kunst, alle Künste. Wasili Kandinsky sprach davon, dass ein Bild dann gelungen ist, wenn es Klang hat, und er meinte damit, dass das Bild in der Lage ist, die Seele zum Klingen zu bringen. Nicht jedes Bild kann jede Menschenseele zum Klingen bringen. Da gibt es natürlich individuelle Unterschiede. Ein Bild berührt Sie, ein anderes nicht, d.h. das eine Bild spricht zu Ihnen, ein anderes bleibt Ihnen gegenüber stumm. Wenn ein Bild zu Ihnen spricht, berührt es etwas in Ihrem Unbewussten. Man kann es oft nicht erklären, warum gerade ein bestimmtes Bild stark auf einen Menschen wirkt. Oder können Sie doch erklären, warum es Sie berührt? Können Sie z. B. erklären, warum eine bestimmte Farbe Ihre Lieblingsfarbe ist? Man kann Zuneigungen oft nicht erklären.

Als Maler bzw. Malerin wird man oft gefragt: warum malst Du in diesen bestimmten Farben? Warum kommt dieses und jenes Motiv bei Dir oft vor? Bei mir bedeutet das, dass ich gefragt werde: warum malst Du oft Vögel? Warum oft die Menorah? Warum malst Du die Menschen in überstreckten Proportionen? Will ich darauf antworten, muss ich etwas aus dem Herzen in den Kopf bringen und mich fragen: Ja, warum eigentlich? Ich finde auch plausible Erklärungen für andere und für mich selber, aber während des Malens entstehen einfach die Gebilde ohne viel Nachdenken.

Warum taucht in meinen Bildern oft die Menorah auf, der siebenarmige jüdische Leuchter? Ich habe ja noch wesentlich öfter die Menorah gemalt, aber diese Bilder befinden sich nicht mehr in meinem Besitz und konnten deshalb hier nicht ausgestellt werden. Die Menorah spricht mich seit jeher einfach gefühlsmäßig an. Das rührt sicher von meiner Zuneigung zum Judentum her. Die Menorah hat eine vielschichtige und tiefgründige symbolische Aussagekraft. Sie erinnert an einen Baum, der seine Äste dem Himmel entgegenstreckt. Der mittlere der 7 Arme weist direkt zum Himmel, die weiteren 6 Arme gehen zunächst in die Horizontale, zur Erde hin und bringen das Irdische hinauf zum Himmel. Erde und Himmel werden verbunden.

Dass die Menorah 7 Arme bzw. 7 Kerzen hat, ist natürlich auch von symbolischer Bedeutung: Die Zahl 7 ist die Zahl der Vollkommenheit, der Schöpfung und der Gesamtheit. Das Licht der Kerzen strahlt nach oben. Licht ist ja das Geistigste, das wir in der materiellen Welt sinnlich wahrnehmen können. Das Licht verkörpert Erleuchtung von Herz und Verstand und das „Es werde Licht“ des ersten Schöpfungstages. Licht bedeutet Leben, und Leben bewegt sich immer zwischen Gegensätzen. Die Menorah ist aus Metall. Das Metall stellt das ewig Gleichbleibende dar und die Baumform der Menorah symbolisiert das sich unablässig Wandelnde. Die Menorah sagt uns: wir brauchen zugleich Beständiges und Erneuerung.

Das Leben pendelt also zwischen den Gegensätzen, Leben ist nur möglich durch Polarität. Die Polarität zeigt sich im Wechsel von Tag und Nacht, im Gegensatz von weiblich und männlich, weich und hart, gut und böse und in unzähligen anderen Erscheinungen. Die biblische Geschichte von Adam und Eva (in Bild 27 thematisiert) erzählt uns, dass das erste Menschenpaar vom Baum der Erkenntnis aß, nämlich der Erkenntnis von Gut und Böse. D. h. der Mensch lebte ursprünglich in einer Einheit mit dem Ganzen, so wie der Embryo bis hin zum Kind, bis es zum ersten Mal „ich“ sagt. Dann erkennt das Kind sein Getrenntsein von den anderen. Das Kind ist in diesem Moment wie Adam und Eva, die nach dem Genuss des Apfels vom Baum der Erkenntnis merkten, dass sie nackt waren, sie begannen sich zu schämen, d. h. sie fielen aus der Einheit heraus und erkannten sich als getrennte Wesen. Mein Bild „Adam und Eva“ will die Erkenntnis der Polarität aufzeigen, indem auf der linken, helleren Seite oben die Vögel abgebildet sind, und auf der rechten, dunkleren Seite unten der Stier. Vögel symbolisieren den Geist, den Himmel - sie sind ja die Lebewesen, die dem Himmel am nahesten kommen - während der Stier mit seiner Schwere die Materie und die Erde symbolisiert.

Das Bild „Davids Harfenspiel“ (Bild 24) drückt ebenfalls die Polarität aus. König Saul, der Davids Harfenspiel lauscht und David selbst haben eine helle und eine dunkle Gesichtshälfte. Von König Saul wird berichtet, dass er von einem bösen Geist beherrscht war. Durch das Harfenspiel Davids wich der böse Geist von ihm. Was mochte der böse Geist gewesen sein? Eine seelische Krankheit vielleicht, eine innere Zerrissenheit? Wir wissen es nicht. In jedem Fall hat Saul zwei Gesichter, was sich auch in seiner Zuneigung zu David zeigt und seiner späteren Absicht, David zu töten. David selbst hat ebenfalls zwei Seiten, eine lichtvolle und eine dunkle. In den biblischen Geschichten werden die Menschen nicht idealisiert dargestellt, sondern so wie sie sind, licht- und schattenhaft.

So auch Jakob (Bild 7). Nach einem schändlichen Betrug flieht er, und unterwegs träumt er von der Himmelsleiter, auf der Engel auf- und niedersteigen. Die Leiter, so könnte man sagen, berührt den Himmel. Gott verspricht ihm eine zahlreiche Nachkommenschaft und versichert ihm: „Ich bin mit dir, ich behüte dich, wohin du auch gehst… Denn ich verlasse dich nicht, bis ich vollbringe, was ich dir versprochen habe.“ Jakob erwacht aus seinem Schlaf und sagt: „Wahrlich, Herr, Du bist an diesem Ort, und ich habe es nicht gewusst.“ Jakob erfährt also die Gegenwart Gottes, obwohl er es, so könnten wir denken, wegen seines vorausgegangenen Betrugs gar nicht verdient hätte, eine solche große Erfahrung zu machen. Im Bild sehen wir unten das Dunkle und Grobe und nach oben wird es immer feiner und heller.

Ebenso im Bild 31, das einen Vers aus dem 139. Psalm darstellt, der lautet: „Stiege ich zum Himmel empor, so bist du dort, und machte ich die Unterwelt zu meinem Lager, du bist da!“ (Vers 8) Hier ist der untere Teil dunkel, aber nicht ganz ohne Licht, denn, wie es heißt, ist Gott ja auch in der Unterwelt gegenwärtig. Die Malweise im oberen Teil des Bildes ist differenzierter, die Farben sind heller, der obere Teil wirkt feiner und geistiger. Entwicklung, Evolution geht ja auch immer zum Differenzierteren hin.

Die weiteren 3 Bilder stellen weitere Verse des Psalms 139 dar, die Sie auf der Rückseite der Titel- und Preisliste nachlesen können.

Entwicklung führt wie gesagt vom Groben zum Differenzierteren hin und vom Chaos zur Ordnung. Diesem Prinzip folge ich auch beim Malen: ich richte zunächst mit dem Pinsel ein Chaos an, und dann ordne und verfeinere ich es. Manchmal überdecke ich das Dunkle mit hellen Farben, was mit Acrylfarben technisch etwas schwieriger ist als der umgekehrte Weg. Sehr oft male ich von unten nach oben. Unten ist eher das Dunkle, und nach oben wird es heller. Das können Sie in einigen meiner Bilder sehen. Aber gleichgültig, bei welchem Teil des Malgrundes ich beginne, ich weiß in dem Moment meistens nicht, was in den anderen Teilen entstehen wird.

Abschließend möchte ich sagen: Obwohl die Welt notwendigerweise aus Licht und Schatten bestehen muss, hat jeder Mensch doch die Aufgabe, die Welt lichtvoller und harmonischer zu machen. Im Judentum nennt man das tikkun olam, die Welt reparieren, die Welt verbessern, die Harmonie wiederherstellen. Mit diesem Bestreben kann ich mich vollkommen identifizieren. Rabbi Israel Ben Elieser, genannt Baalschem-Tow, sagte: „Die Welt ist voll gewaltiger Lichter und Geheimnisse, und der Mensch verstellt sie mit seiner kleinen Hand.“ Eine Möglichkeit, die kleine menschliche Hand, die die Lichter und Geheimnisse zudeckt, wegzuziehen, ist der Weg der Kunst: Kunstschaffen und Kunst in sich einlassen.

 

 

Vernissagenrede von Carola Justo am 12. 3. 2015
zur Ausstellung „Im Einklang sein“  von Carola Justo
in den Agaplesion Diakonie Kliniken Kassel

 

Der Schriftsteller Ulrich Schaffer sagte: „Es ist wichtig, womit wir uns umgeben und womit wir uns beschäftigen, welchen Bildern und Gedanken wir uns ausliefern. Was über unsere Augen in uns hineinfällt, schafft eine innere Welt und Wirklichkeit in uns…
Es gibt eine Art, das Schöne wahrzunehmen und sich ihm auszuliefern, so dass wir davon verwandelt werden… Vielleicht ist die Schönheit der Welt der Schlüssel zur Schönheit in uns? Es kann deutliche Konsequenzen für unser Leben haben, wenn wir uns in die Natur begeben, uns Bäumen nähern, Blumen bewusster wahrnehmen, uns für Steine und Pflanzen interessieren, wacher in Landschaften reisen, die uns innen erweitern, und dann zu beobachten, wie wir uns verändern. … Die Schönheit außen weckt die innere Schönheit.“

In dieser Ausstellung können Sie auch in Landschaften reisen, und vielleicht kann das Betrachten des einen oder anderen Bildes Sie innen erweitern.

Wenn ich Kunst schaffe, ist es mir wichtig, Schönheit hervorzubringen. Wenn es mir gelingt, nach meinem Empfinden Schönheit in irgendeiner Form – sei sie gegenständlich oder abstrakt - zu schaffen, dann bin ich im Einklang mit mir selber.

Es ist mir wichtig, durch die äußere Schönheit und Harmonie im Innern des Betrachters/der Betrachterin Schönheit und Harmonie auszulösen. Das brauchen wir heute doch mehr denn je: etwas im Innern zum Klingen zu bringen. Das verwandelt uns. Dostojewski war überzeugt davon, dass der Mensch, der die Schönheit aus seinem Leben verbannt, in Schwermut verfalle. Der Leitsatz „Freiheit in der Kunst“ meint manchmal eine Loslösung des Wertes Freiheit vom Wert der Menschlichkeit und Achtung. Ich bin überzeugt davon, dass Kunst nicht verletzen darf, sondern im Gegenteil heilen helfen soll.

Der Titel meiner Ausstellung lautet „Im Einklang sein“. Wasili Kandinsky sagte, dass ein Gemälde Klang haben sollte. Man kann es auch so sagen: ein Gemälde sollte im Betrachter etwas zum Klingen bringen. Der Klang ist eher im Betrachter als im Bild selbst. Es gibt Wahrnehmungen, die bringen die Seele zum Klingen. Aber welches diese Wahrnehmungen sind, die die Seele zum Klingen bringen, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Vielleicht bringt es Ihre Seele zum Klingen, wenn sie im Gesang der Vögel die Freude über den kommenden Frühling heraushören oder wenn Sie morgens den Kaffeeduft riechen. Vielleicht bringt es Ihre Seele zum Klingen, wenn Sie die zarte Haut eines Babys streicheln oder wenn Sie die innere Schönheit eines anderen Menschen wahrnehmen.  

Vieles kann die Seele zum Klingen bringen, in Einklang mit sich selber bringen, auch die Kunst. Natürlich kann das nicht jedes Kunstwerk bei jedem Menschen in jedem Augenblick. Wenn Sie sagen: dieses Bild gefällt mir besonders, dann ist das mehr als eine Frage des Geschmacks. Es findet da etwas Tieferes statt als wenn Ihnen ein Stück Kuchen schmeckt. Das Bild ist in Resonanz mit Ihnen. Es ist stimmig mit Ihnen, es spricht Ihnen aus der Seele. Und es ist ratsam, sich diesem Bild dann länger zu widmen und einfach zu schauen. Schauen, aber nicht mit einem Adlerblick. Schauen und nicht analysieren. Schauen und sich nicht den Kopf zerbrechen. Einfach nur schauen und das Bild in sich einlassen.

Dazu brauchen Sie keine besonderen Kenntnisse. Picasso sagte: „Warum wollen die Menschen immer Kunst verstehen? Sie wollen doch auch nicht den Gesang der Vögel verstehen.“ Der Gesang der Vögel kann berühren, Kunst kann berühren, kann ein Erlebnis auslösen, und darum geht es.

Wenn ich male, denke ich überhaupt nicht daran, irgendeine Botschaft mit dem Bild zu vermitteln. Die Botschaft eines Bildes kommt von alleine oder sie kommt nicht. Ich denke also keine Botschaft hinein, ich möchte nichts künstlich erschaffen. Die Inhalte und was sie möglicherweise ausdrücken, müssen von innen kommen ohne seelische Gewaltanwendung, es darf fließen. Sie können in vielen meiner Bilder auch Symbolik wahrnehmen. Auch dabei überlasse ich mich weitgehend dem, was spontan aus mir heraus kommt. Natürlich hat das Denken auch einen Anteil daran. Zu sagen, es käme alles aus dem Unbewussten, wäre nicht richtig. Das Denken hat bei mir während des Malens vor allem eine korrigierende Funktion. Denken, Fühlen und Intuition gehen Hand in Hand.

Aber ich plane ein Bild nicht, und ich plane auch keine Botschaft. Allenfalls ist es mir ein Anliegen – und das möchte ich bewusst vermitteln -, dass das Dunkle und Problematische nicht das Ende ist. So können Sie z. B. in den Bildern 16 und 18 und mehr noch in den drei ebenfalls sehr hochformatigen Bildern (21, 22, 23) sehen, dass aus dem Dunkeln unten etwas emporwächst in immer hellere Regionen hinein und schließlich ins Gold. Alles ist auf dem Weg zum Hellen, zum Licht, zu Gott hin. Gold steht in der Kunst für Gott oder das Reich Gottes. Es ist auch wichtig, dass das Geheimnisvolle, das in den Bildern mehr oder weniger aufscheint, bestehen bleibt und nicht durch zu viele Erklärungen gelüftet, d.h. zerstört wird.

Wie kommt ein Künstler, eine Künstlerin überhaupt zu den Themen der Bilder, zu ihren Inhalten? Es hat etwas zu tun mit Glaube und Weltanschauung, mit dem, was tief in einem verankert ist, es hat etwas mit dem Lebensstil zu tun, mit dem, womit man sich beschäftigt, was man täglich in sich einlässt. Überhaupt sind Kunstwerke immer Ausdruck der gesamten Persönlichkeit einschließlich ihres Unbewussten. Und sie wirken auch auf die Person des Künstlers zurück. Ich male jeden Vormittag, und wenn mir etwas meinem Empfinden nach gelungen ist, dann fühle ich mich den ganzen Nachmittag in Harmonie und Einklang mit mir selber, es schwingt dann noch etwas von dem Gemalten in mir weiter. Und doch ist es wichtig, loszulassen von dem Wunsch, dass etwas gelingt oder besonders gut gelingt. Dazu möchte ich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen:

Ein Meisterhandwerker im alten China wurde vom Kaiser beauftragt, einen Schrank für des Kaiser‘s Schlafzimmer im Palast herzustellen. Der Handwerker sagte dem Kaiser, dass er dazu 7 Tage bräuchte. Die Diener des Kaisers sahen aber, wie der Mann 4 Tage lange die ganze Zeit dasaß und nichts tat. Dann, am Morgen des 5. Tages begann der Schreiner zu arbeiten. Innerhalb dreier Tage fertigte er den außergewöhnlichsten Schrank, den je jemand gesehen hatte. Der Kaiser war höchst zufrieden. Da er erfahren hatte, dass der Schreiner 4 Tage lang nur da gesessen hatte, war er neugierig und ließ den Schreiner zu sich kommen. Er fragte ihn, was er während der vier Tage vor dem Beginn seiner Arbeit gemacht hatte.
Der Mann antwortete:
"Den ganzen ersten Tag verbrachte ich damit, jeden Gedanken an Versagen loszulassen.
Den ganzen zweiten Tag verbrachte ich damit, jeden Gedanken daran, dass mir die Fertigkeiten fehlen würden, loszulassen.
Den ganzen dritten Tag verbrachte ich damit, jedes Verlangen nach Ruhm, Glanz und Belohnung, loszulassen.
Den ganzen vierten Tag verbrachte ich damit, den Stolz loszulassen, der in mir wachsen könnte, falls ich in meiner Arbeit erfolgreich sein sollte und das Lob Eurer Majestät empfangen würde. Dann erst ging ich an die Arbeit.“

Diese Geschichte erzählt uns etwas über das Freiwerden von Versagensangst und mangelndem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. (Van Gogh) Die Geschichte erzählt uns auch etwas über das Freiwerden von Ehrgeiz und Stolz. Nur so hat der Handwerker aus seiner Mitte heraus schaffen können. Und so kann etwas gelingen, das den Schaffenden selber überrascht. Für den Künstler findet der Prozess, für den sich der chinesische Handwerker 4 Tage Zeit genommen hat, immer wieder während des Schaffens statt. Da gilt es, immer wieder loszulassen von dem Wunsch, etwas Beeindruckendes zu schaffen, es gilt, sich einfach dem jetzigen Moment zu überlassen.

Um noch beim Bild dieser Geschichte zu bleiben: Ein Schrank ist etwas Nützliches. Aber dass er so gestaltet ist, dass er die Menschen erfreut, gehört scheinbar nicht in die Kategorie Nützlichkeit. Freude ist jedoch das Nützlichste und Notwendigste überhaupt. Auf den ersten Blick ist Kunst nicht nützlich, nicht brauchbar. Sie zählt zu dem Nicht-Brauchbaren, das wir dringend brauchen, manchmal noch dringender als das so offensichtlich Nützliche. Kunst kann erfreuen, und Freude ist heilsam. Vieles, das wir im Leben als leidvoll und von daher als eher hässlich erleben, kann durch Kunst, durch Schönheit verwandelt werden.

Mozart hatte das Ziel, durch Musik das Traurige, die Enttäuschung, den Schmerz und auch das Böse im Menschen zu verwandeln. Johann Sebastian Bach hat Wert darauf gelegt, dass jedes Musikstück, auch wenn es in Moll geschrieben war, in Dur endete. Auf meine genannten Bilder bezogen: sie beginnen auch im dunklen Moll und enden im hellen Dur.

Abschließend möchte ich Ulrich Schaffer zitieren, der über das Reisen in äußeren und inneren Landschaften sagte: „Dabei werden wir auch die Schönheit im Dunklen und Schweren entdecken, und unser Leben wird eine Tiefe und Weite empfangen, die wir vielleicht nicht kannten.“  

 

 

Vernissagenrede von Carola Justo zu ihrer Ausstellung
„Der Spur des Lebens folgen“
in den Agaplesion Diakonie Kliniken Kassel am 7. 11. 2013

 

Zunächst einmal bitte ich zu entschuldigen, dass ich im folgenden „der Künstler“, „der Kunstschaffende“ usw. sage, dass ich also die männliche Form wähle, das ist nur deswegen, damit die Sprache besser fließen kann, und ich schließe natürlich uns weibliche Wesen mit ein.

Ich gab dieser Ausstellung den Titel „Der Spur des Lebens folgen“. In der Kunst geht es wesentlich darum, ein Erlebnis zu vermitteln. Im Wort „Erleben“ steckt ja das Wort „Leben“. Ein berühmter Künstler, leider weiß ich seinen Namen nicht mehr, sagte einmal: „Kunst ist Erlebnis. Ein Erlebnis kann man nicht planen. Ein geplantes Kunstwerk ist kein Erlebnis.“ Demnach kann man als Künstler ein Erlebnis, eben gerade auch ein künstlerisches Erlebnis, nicht planen. Es kommt überraschend. Kreative Einfälle entstehen, wenn wir nicht kopflastig sind und wenn wir nichts erzwingen wollen.

Der letzte Satz des Zitats: „Ein geplantes Kunstwerk ist kein Erlebnis“ meint sicherlich das vollständig durchdachte und durchgeplante Kunstwerk. Der Betrachter könnte nichts dabei erleben, weil das Kunstwerk unlebendig wirken würde, Spirituelles könnte nicht aufscheinen. - Wenn ich ein Kunstwerk betrachte, sei es ein eigenes oder das eines anderen Künstlers, so ist für mich die wichtigste Frage: Ist das Bild lebendig? Macht es lebendig? Bewirkt es, dass ich mich beim Betrachten lebendig fühle? Und für mich persönlich ist außerdem ein wichtiges Kriterium: vermittelt das Kunstwerk etwas Überweltliches, Geheimnisvolles? Natürlich können wir diese Fragen auch auf andere Bereiche der Kunst übertragen, auf die Musik, die Literatur, den Tanz usw.

Einmal kam ein aufmerksamer Betrachter meiner Bilder in der Ausstellung zu mir und sagte: „In Ihren Bildern geht es um die Dreiheit. Überall sehe ich eine Dreiteilung.“ Plötzlich sah ich es auch. Es ist nämlich nicht geplant, sondern intuitiv entstanden. Die Dreiheit finden wir in der ganzen Schöpfung, wir können sagen, dass die Schöpfung auf einer Dreiheit aufgebaut ist. Wir selber sind Körper, Seele und Geist. In unseren Gliedmaßen finden wir die Dreiheit (jeder einzelne Finger, der ganze Arm sind jeweils dreigeteilt). Man könnte unendlich viele Beispiele aus der Natur aufführen. Auch im Bereich der Atome finden wir diese Dreiheit: die ganze Schöpfung besteht aus Materie, Energie – und Information. Die Entdeckung dieser dritten Kraft liegt zeitlich noch nicht lange zurück. Sie bewirkt z. B., dass es Wachstum gibt, Werden und Vergehen. Information, die sich in der Materie befindet, ist rein-geistig. Und das sagen uns nicht Theologen, sondern Naturwissenschaftler.

Und wenn wir nun von diesen philosophischen und wissenschaftlichen Höhen zurück gehen auf diesen Ort hier: Cenawa ist der Name der Musikgruppe, die uns diesen Abend mit ihren Klängen verzaubert, und Cenawa bedeutet Dreiklang, die Musiker sind aus drei Kulturkreisen, was für ein schöner Zufall.

Noch einmal kurz zurück zur Philosophie: Ein Dreiklang durchzieht die ganze Schöpfung. Drei ist die Zahl des Lebens. Durch ein Zusammenkommen von gegensätzlichen Polen wie Himmel und Erde, positiv und negativ, männlich und weiblich, Orient und Okzident entsteht ein Drittes.

Aber auch die Zahl fünf ist eine Zahl des Lebens, und auch eine Fünfer-Konstellation werden Sie häufig in meinen Bildern finden. Fünf Bäume, fünf rote oder goldene Flecke. Besonders in meinen früheren Bildern habe ich oft fünf rote Flecke in eine Landschaft hineingemalt, Sinnbild für die fünf Wundmale Jesu und Symbol dafür, dass sich das Leiden durch die ganze Schöpfung zieht.

In einigen der hier ausgestellten Bilder, z. B. im Bild „Geschenk des Augenblicks“ finden sich fünf goldene Flecke, vergoldete Wunden. Das ist kunstgeschichtlich kein neuer Gedanke, denn es gibt z. B. Darstellungen des Gekreuzigten mit vergoldeten Wunden. Vergoldete Wunden – übertragen wir das auf uns selber, so bedeutet es, dass das, was uns verwundet hat, nicht nur geheilt werden kann, sondern dass daraus sogar etwas Fruchtbares, vielleicht sogar ein Schatz werden kann. An den Wunden, die uns zugefügt wurden, vor allem in der Kindheit, haben wir oft ein Leben lang zu schaffen, aber sie können zur Quelle der Kreativität werden. Kunst entsteht niemals aus einer satten Zufriedenheit und einem oberflächlichen Immer-Gut-Drauf-Sein, sondern aus einer bestimmten Zerrissenheit zwischen zwei Polen, die der Künstler zusammenbringt, und es entsteht ein Drittes, ein Kunstwerk.

In meinen Bildern also, besonders den abstrakten und halb-abstrakten, finden Sie die Dreiheit, sie finden fünf Elemente, sieben, neun, also immer ungerade Zahlen. Über die Bedeutung der mystischen Zahl sieben könnte man sehr viel sagen, ich möchte hier nur auf den siebenarmigen, jüdischen Leuchter, die Menora, aufmerksam machen, die in vielen meiner Bilder erscheint, mal ganz deutlich, mal versteckt, manchmal als Baum mit sieben Ästen. Die Menora wurzelt in meinen Bildern oft in einem Hügel, also in der Erde, und mit ihren sieben Armen reckt sie sich gen Himmel, aber nicht in einer geraden Linie, sondern sie nimmt sozusagen das Horizontale, das Irdische, mit. In der Menora sehe ich auch einen Baum, der wiederum ebenfalls ein Symbol des Lebens ist, und ich sehe darin auch ein Kreuz, das unsere Gesellschaft ja mit Tod in Verbindung bringt, aber in erster Linie ist das Kreuz, das es in fast allen Kulturen gibt, ein Lebenssymbol.

Der menschliche Körper hat ja, wenn wir die Arme ausbreiten die Form des Kreuzes. Seine Vertikale ist dann so lang wie seine Horizontale. Und im Kreuzungspunkt zwischen beidem, man kann sagen: im Kreuzungspunkt zwischen dem Himmlischen und dem Irdischen befindet sich der Motor des Lebens: das Herz.

Vor einiger Zeit ist mir die Idee gekommen, dass es im Kunstschaffen im Wesentlichen vier Ausrichtungen gibt, die den Himmelsrichtungen ähneln oder aber vergleichbar sind mit der Form des Kreuzes. Ein Künstler kann sich während des Schaffens nach außen oder nach innen, nach unten oder nach oben ausrichten, wobei ich hier wiederum unterscheide zwischen einer jeweils unlebendigen und einer lebendig machenden Weise der Ausrichtung. Was meine ich damit?

Zunächst einmal die unlebendig machenden Weisen der Ausrichtung. Die Ausrichtung nach außen auf eine unlebendige, nicht lebensfördernde Art bedeutet, dass der Kunstschaffende vor allem den Erfolg sucht, mit der Mode geht, Applaus und Bekanntheit sucht. Auch geht es ihm vielleicht mehr um Quantität, also darum, Leistung vorzuweisen. Oder aber der Kunstschaffende beschreibt nur, bildet nur das ab, was sowieso alle sehen. Das ist keine Kritik am Realismus; in einer realistischen Darstellung kann etwas Atmosphärisches aufscheinen, und dann kann es durchaus lebendig sein.

Wenn sich der Kunstschaffende in einer unseligen Art nach innen ausrichtet, dann taucht er ein in die Gefühlswelt, die ihn in ein Schwelgen hineinzieht, und das Werk wird kitschig, es wird zu glatt und deshalb leblos.

Geht er auf eine lebensverneinende Art nach unten, so zieht ihn das Dunkle, Negative und Ekelerregende an, das er dann an die Oberfläche zerrt, um sich zu entleeren und sich scheinbar zu befreien. Doch nie sind diese dunklen Bereiche ausgeschöpft. Die Betrachter werden immer wieder mit dieser Negativität konfrontiert und provoziert und wenn die Betrachter mit dem derzeitigen Trend gehen, also sich am Außen orientieren, an dem, was man gut finden muss, um nicht als Kulturbanause zu gelten, dann schlucken sie diese Negativität kritiklos.

Nun bleibt noch das Ausrichten nach oben, nach der Transzendenz, also dem Überweltlichen, das dann lebensfeindlich sein kann, wenn man dabei die Bodenhaftung verliert, d. h. wenn man sich so am Idealen, am Himmlischen festhält, dass man die Realität, auch die eigene, innere Realität mit ihrer Unzulänglichkeit ausblendet. Die gegensätzlichen Pole des Lebens zusammenbringen, das schafft Leben.

Richtet sich der Kunstschaffende auf eine lebendig machende Weise nach außen, innen, unten und oben aus, so bedeutet das: Er geht nach außen, indem er sich die Welt vertraut macht, sie in sich einlässt, um sie dann auf ganz individuelle Weise zu äußern.

Geht er nach innen auf eine lebensfördernde Weise, so lässt er in einer wartenden Haltung zu, was von innen hervor kommen will. Geht er nach unten, so geht er in die eigene Tiefe, die unbewusst ist, er schöpft aus dem Unbewussten, das besser Tiefenbewusstsein genannt werden sollte oder Seele. Freilich liegt im Unbewussten auch Dunkles, Negatives, Traumatisches. Aber er stößt gewissermaßen durch diese Schicht hindurch, versteckt das Dunkle nicht, aber verwandelt es doch ins Lebenbejahende. Die Wunden werden golden.

Nach oben geht der Kunstschaffende auf eine lebendig machende Weise, indem er sich dem Transzendenten öffnet wie ein Baum, der in der Erde verwurzelt ist, aber seine Äste nach dem Himmel ausstreckt oder wie die Menora, die in meinen Bildern wie gesagt oft in einem Hügel wurzelt, das Irdische, Horizontale mitnimmt, wenn sie ihre sieben Arme gen Himmel reckt.

Auf der nur heute Abend ausgestellten Christus-Ikone sehen Sie Christus mit dem erhobenen Zeigefinger, der nicht der Zeigefinger der Autorität ist (Menschen erheben ihn manchmal, um ihre Autorität zu unterstreichen), nein, es ist der Finger, der auf das Überweltliche zeigt, auf Gott. Ich sprach vorhin die mangelnde Bodenverhaftung an, doch heute ist viel häufiger die zu starke Bodenverhaftung anzutreffen und der Mangel an Ausrichtung nach oben. (Oben-unten, das sind natürlich sehr bildliche Ausdrücke, aber wir Menschen können nun mal nur räumlich-zeitlich denken, und assoziieren das Überweltliche, Transzendente doch mit dem „Oben“.)

Und dann sehen Sie noch auf der Ikone das Buch, das Christus in der linken Hand hält, das Wort Gottes, bei diesem Begriff denken wir Christen als erstes an die Bibel. Aber Sie können es auch anders sehen: einige Physiker, die sich mit Theologie beschäftigen oder Theologen, die sich mit den neuen Erkenntnissen der Quantenphysik beschäftigen, sagen, dass der Beginn des Johannes-Evangeliums: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort“ bedeutet: im Anfang war die Information, also die rein-geistige Kraft, die schon da war, bevor es Materie und Energie gab, und ohne die sich nichts entwickeln hätte können. Man könnte auch sagen – menschlich-bildlich ausgedrückt - , dass  Gott sein Wort (die Information) in die Materie hineinlegte, hineinsprach. (Heißt es doch auch im Schöpfungsbericht: „Gott sprach, es werde Licht, und es ward Licht.“)

Im idealen Fall können wir als Künstler mithelfen, dass eine Ahnung des Göttlichen ausgelöst wird. Wir Kunstschaffenden haben eine Verantwortung. Wir bewirken etwas mit unserem Werk. (Die Wörter Werk und Wirken sind miteinander verwandt…) Wir können den Betrachter je nach der Weise wie wir ans Werk gegangen sind, hineinziehen in eine abtötende oder eine lebendig machende Kraft.

Abschließend möchte ich noch sagen: In dieser Ausstellung können Sie sich bei einer solch großen Anzahl von Exponaten nicht allen Bildern gleichermaßen intensiv zuwenden, sondern nur vor einigen Bildern länger verweilen, nämlich immer dann, wenn ein Bild sie anspricht, wenn es also begonnen hat, zu Ihnen zu sprechen. Und es ist kein Zufall, dass es gerade dieses oder jenes bestimmte Bild ist, welches gerade für Sie die Kraft enthält, sich lebendig zu fühlen, so dass es für Sie zum Erlebnis wird. Es hat mit Ihnen zu tun, es spricht Ihnen aus der Seele, warum auch immer. Der Grund dafür mag und darf ein Geheimnis bleiben.

Kunst ist Erlebnis. Kunst ist Leben und will lebendig machen. Folgen wir der Spur des Lebens.

                                                                                                                                Carola Justo

 

 

 

„Dem Himmel entgegen wachsen“
Ausstellung sakraler Kunst - im Haus St. Michael, Kassel, vom 2. 12. 2012 – 24. 2. 2013

Vernissagenrede von Carola Justo am 2. 12. 2012


„Dem Himmel entgegen wachsen“ lautet der Titel dieser Ausstellung. Wenn wir die Natur beobachten, sehen wir, wie alles tatsächlich in Richtung Himmel wächst. In meinen Bildern strecken sich Pflanzen und Bäume nach dem Himmel aus, auch die abgebildeten Vögel richten ihren Blick zum Himmel hin. Die Gewächse wurzeln häufig in einer hügelartigen Erhebung am unteren Rand, von wo aus sie immer höher streben. Manchmal sind die Pflanzen von einem Strahlenkranz umgeben, gemäß der Erfahrung einer christlichen Mystikerin, die in einer Vision wahrnahm, dass alles leuchtete und sogar Pflanzen eine Art Heiligenschein hatten.

Alles wächst und schaut dem Himmel entgegen, auch im geistigen Sinn.
Da ist der Drang im Menschen, sich über die Alltagsrealität zu erheben. Kunst ist einer der Wege, sich über das Banale zu erheben. Es ist meine tiefe Überzeugung, dass Kunst die Aufgabe hat, den Menschen zu erheben. Der heutige Trend geht jedoch in die Gegenrichtung, nämlich: Kunst soll hinunterziehen. Ganz gezielt werden unangenehme, beunruhigende Gefühle im Betrachter hervorgelockt, mit denen er allein gelassen wird, weil ihm keine Auflösung dieser Gefühle angeboten wird.

In der bildenden Kunst wie auch in der Literatur, im Theater, in so genannten anspruchsvollen Filmen und Kompositionen sehen wir, wie seit etwa 60 Jahren das Hässliche, Krankhafte, Absurde, Abscheu Erregende immer stärker zum Haupttenor der Kunst werden. Dies wird ideologisch begründet, d. h. es folgt ganz logisch einer Idee, nämlich dass es keine höhere Wirklichkeit als die irdische, materielle Wirklichkeit gäbe. Und diese irdische Wirklichkeit wird als überwiegend hässlich und absurd aufgefasst.

Natürlich, wenn Tod und Verwesung das letzte Wort über das Leben sprechen, ist diese Einstellung nur konsequent: dann wird tatsächlich alles absurd. Wenn wir aber davon ausgehen, dass es eine höhere Wirklichkeit gibt als die, die unsere Sinne wahrnehmen können, wenn unser Leben ins Ewige und Unendliche hineinreicht, dann wird unser Leben sinnvoll, und es wird auch trotz seiner dunklen Seiten schön. Weil die höchste Wirklichkeit nicht Zerstörung bedeutet, sondern Leben, weil die höchste Wirklichkeit Liebe ist, deshalb ist sie schön. Und weil das Christentum Ausdruck dieser Wirklichkeit ist, ist das Christentum schön.

Die Logik dieser Idee ist es, dass es sogar zu einer spirituellen Aufgabe werden kann, Schönheit darzustellen. Das bedeutet freilich nicht, dass Kunst das Dunkle, das Problematische und Hässliche oder den Schmerz wegfiltern soll. Aber wenn dies in der Kunst thematisiert wird, dann muss auch die Hoffnung angeboten werden. In der Düsterkeit muss ein Lichtblick da sein, im Schmerz ein Aufatmen in Aussicht gestellt werden. Und so ist die Schönheit wiederhergestellt, die gleichzeitig Wahrheit ist. Diese Art von Schönheit ist vielleicht brüchig, aber sie ist dennoch Schönheit.

Ich verstehe mein Kunstschaffen als eine spirituelle Aufgabe, und dies nicht nur in der Ikonenmalerei, die ich auch hin und wieder ausübe. Die Ikonenmalerei wird als eine Art Gottesdienst verstanden, man malt nicht für sich, sondern zur größeren Ehre Gottes. Ikonen sollen im Betrachter eine Verbindung schaffen zum Überweltlichen, wollen dem Betrachter eine Vorahnung vermitteln von dieser höheren Wirklichkeit. Im idealen Fall gelingt dies auch manchen Kunstwerken, die nichts konkret Religiöses darstellen. Ein Werk kann sogar religiös sein bzw. eine religiöse Kraft in sich haben, auch wenn keine religiösen Gestalten abgebildet ist.

Es kommt immer darauf an, ob derjenige, der das Kunstwerk geschaffen hat, während des Schaffens eine Verbindung aufgenommen hat zu einer größeren Kraft. Dann kann sie auch auf den Betrachter überspringen. Dieser nimmt dann die geistige Ausstrahlung des Bildes wahr. Dazu sind jedoch drei Voraussetzungen nötig: die Empfangsbereitschaft des Betrachters, das Bild, das ihn anspricht und der richtige Augenblick der Betrachtung. Wenn man allerdings an Ikonen und anderen Gemälden vorbeihuscht, geschieht nichts oder nur sehr wenig im Betrachter, denn keine der drei Voraussetzungen ist dann gegeben. Wenn aber alle drei zusammen kommen: die Empfänglichkeit, das entsprechende Bild und der richtige Augenblick, dann kann selbst ein Bild, das keine religiöse Gestalt darstellt, u. U. eine tiefe Ebene im Menschen ansprechen, wo man mit der eigenen Seele in Berührung kommt. In seinem Buch „Was ist die Seele?“ schreibt Anselm Grün: „Ich komme im Schauen eines Kunstwerks in Berührung mit meiner eigenen Seele, mit dem Lauteren und Reinen, das auch in meiner Seele liegt, oft verborgen unter allerlei Schutt, der sich darauf abgelagert hat. Das Schauen eines Kunstwerks lässt mich durch die Schuttschicht hindurchschauen auf den lauteren Grund meiner Seele. Es ist der Grund, in dem Gott selbst in mir wohnt.“

Bedenken wir auch, dass alles Abgebildete nicht nur das ist, was es dem Augenschein nach ist, sondern dass es gleichzeitig Symbol ist. Ein Baum ist mehr als ein Baum, er ist Symbol des Lebens, ein Kreis ist mehr als ein Kreis, er ist Symbol der Unendlichkeit. Doch selbst wenn wir das wissen und wenn uns jemand die Symbolik aller Inhalte erklären würde, hieße das noch nicht, dass wir durch die Betrachtung des Kunstwerks und unseren Kenntnisreichtum mit der eigenen Seele in Berührung kämen. Wir kommen erst dann mit ihr in Berührung, wenn wir etwas Geheimnisvolles spüren, das wir dann aber auch nicht zu entschlüsseln versuchen sollten. Das Geheimnis muss geschützt werden, es darf nicht wie ein Rätsel aufgelöst werden. Rätsel und Geheimnis ist nicht das gleiche. Ein Rätsel kann durch Nachdenken aufgelöst werden, das Geheimnis bleibt geheim und gibt uns deshalb Heimat.

In einer Ausstellung mit vielen Bildern, bei der man natürlich nicht alle Bilder intensiv in sich aufnehmen kann, ist es empfehlenswert, das eine oder andere Bild auszuwählen, das schon angefangen hat, zu einem zu sprechen, und dann kann man länger vor ihm verweilen. Am besten in der Stille, aber es gibt auch manchmal Stille mitten im Lärm, mitten in einer großen Menschenmenge. Wenn wir andächtig werden, ist Stille in uns, wenn wir uns erhoben fühlen, sind wir innerlich still, auch wenn sich ringsherum alles bewegt. Vielleicht sagt Ihnen das Bild dann mehr, vielleicht. Man kann nämlich nichts erzwingen.

Abschließend möchte ich die amerikanische Malerin Laurel Burch zitieren, die von Geburt an knochenkrank war, ein hartes Leben hatte und doch in ihrem Wesen und in ihrem Werk eine große Freude ausstrahlte. Sie sagte:
 
„In unserer hektischen, schnelllebigen Zeit benötigen wir Symbole, die uns an die immerwährende Welt des Geistes erinnern. Ich weigere mich, etwas in meinem Leben zu haben, was ich nicht in Schönheit und Magie umwandeln kann. Meine Gemälde sind die intimste Darstellung von allem, was mir kostbar ist. Meine größte Freude ist es, sie in Formen darzubieten, die das Leben von geistesverwandten Menschen rund um den Erdball erheben und erhellen.“ (Laurel Burch)

 

 

 

Wachsen und Werden
Vernissagenrede Plansecur, 30.03.12
von Carola Justo

 

„Wachsen und Werden“ heißt der Titel dieser Ausstellung. Wenn wir das Wort Wachsen hören, denken wir meistens zuerst an das Wachsen der Pflanzen, vielleicht noch an das Heranwachsen eines Kindes. Tatsächlich sehen Sie in meinen Bildern immer wieder dieses Pflanzenwachstum, das symbolisch auch unser seelisches Wachsen darstellt. Pflanzen wachsen dem Himmel entgegen, sie richten sich nach der Sonne aus, der Kraft- und Nahrungsquelle ihres Lebens. Unsere Seele hat die Neigung, einem inneren Himmel entgegen wachsen zu wollen, ebenfalls ausgerichtet auf eine Lichtquelle, einen zentralen und höchsten Wert.

Was für Gedanken kommen hoch, wenn wir das Wort „Werden“ hören? Vielleicht der Gedanke: ein Ding oder ein Mensch wird zu etwas Bestimmtem und ist dann fertig. Es oder er ist also etwas geworden. Dabei ist doch alles in der Schöpfung, einschließlich wir selbst mit unserer Seele in einem Prozess des Werdens, der kein Ende hat. Wir sind nie fertig.

Ein Werk der darstellenden Kunst scheint, wenn es fertig ist, nicht mehr im Prozess des Werdens zu sein, sondern es scheint still zu stehen. Das ist der Unterschied von Kunstwerken der Malerei, Fotografie und Bildhauerei zu Kunstwerken der Musik, des Tanzes, des Theaters. Und doch ist das fertige Bild nicht unbeweglich, insofern es Sie in Ihren unterschiedlichen inneren Verfasstheiten zu verschiedenen Zeiten durchaus unterschiedlich ansprechen und berühren kann, denn Sie selbst sind ja nicht immer gleich gestimmt.

In meinen Bildern geht es um das Werden, das Fließen, Strömen, also um die Verwandlung. Es tauchen immer wieder Spiralen auf. Spiralen sind Lebens- und Entwicklungssymbole, also Symbole des Werdens. Die Kelten und auch andere Völker kannten und kennen die dreifache Spirale, d. h. drei Spiralen, die miteinander verbunden sind und die das Werden, Sein und Vergehen darstellen. Werden, Sein und Vergehen sind miteinander verbunden: im Sein, also in dem, was existiert, ist immer das Werden enthalten, und auch das Vergehen ist ein Neu-Werden.

Dass überhaupt etwas existiert, dass etwas wird und vergeht, das ist ein großes Geheimnis. Frühere Generationen verneigten sich vor dem Geheimnis, das die ganze Schöpfung durchdringt, sie nahmen es an, ohne es wissenschaftlich entschlüsseln zu wollen. In dem Bild „Verneigung vor dem Leben“ neigt sich eine Frau über eine schalenartige Form, die eine Wiege sein kann oder ein riesiges Nest oder ein Boot. Die Wiege: der Beginn des Lebens, das Nest: die Beheimatung, die Geborgenheit, das Boot: Symbol der Übergänge von einer Lebensphase zur anderen.
Wir heutigen Menschen sind sehr verstandesbetont. Unser Verstand erträgt es nicht, ein Geheimnis einfach so hinzunehmen, es zu achten und sich vor ihm zu verneigen. Er möchte es auflösen.

Im künstlerischen Schaffen geht es wesentlich um das Geheimnis. Ich meine nicht das Rätsel. Ein Rätsel ist etwas anderes als ein Geheimnis. Ein Künstler kann ganz bewusst ein Rätsel in ein Bild einbauen, einfach indem er aus einer Stimmung des Übermuts heraus etwas ins Bild malt, das nicht hingehört, das unlogisch ist, vielleicht weil es ihm Spaß macht, im Betrachter Kopfzerbrechen auszulösen. Etwas anderes ist es, wenn man sich als Künstler weitgehend der Eingebung überlässt, dann kann auf der Bildfläche plötzlich etwas Geheimnisvolles wie eine Überraschung erscheinen. Nicht nur für den Betrachter ist das Dargestellte dann geheimnisvoll, sondern auch für den Künstler selbst. Ein Rätsel kann man durch Klugheit auflösen, man kann die Lösung in Worte fassen; ein Geheimnis kann man nicht auflösen und benennen, allenfalls bruchstückhaft erahnen.  

Während des Malens können geheimnisvolle Dinge auftauchen, die wie gesagt auch für den Maler geheimnisvoll sind und bleiben. Sie sind geheimnisvoll, sie kommen als Überraschung, weil sie nicht bewusst, also nicht durch Denken ins Bild gesetzt wurden, sondern weil sie tieferen Schichten entstammen.

Wenn man in der Kunst alles ganz naturgetreu, vielleicht sogar fotografisch wiedergibt, so ist das beeindruckend, aber für das Geheimnis ist da kein Platz. Ein solches Werk nehmen wir erstaunt zur Kenntnis und bewundern die Fähigkeit des Künstlers. Wenn aber eine menschliche Gestalt merkwürdige Proportionen hat, zu lange oder zu kurze Arme hat, eine Schulter breiter als die andere usw., wenn eine Wiese lila ist statt grün, dann klingt schon etwas Geheimnisvolles an und das Schöpferische im Betrachter wird angesprochen.

Nun kann man als Betrachter Überlegungen anstellen, warum dies und das so gemalt wurde, was sich der Künstler wohl dabei gedacht hat. Der Verstand fragt immer nach dem Warum. Ich empfehle Ihnen beim Umgang mit Kunstwerken, die Antworten darauf nicht zu suchen, sich nicht den Kopf zu zerbrechen. Lassen Sie sich anrühren. Verweilen Sie vor dem einen oder anderen Bild, das anfing, zu Ihnen zu sprechen, ein wenig länger oder kommen Sie wieder hierher, um es zu einem anderen Zeitpunkt noch einmal anzuschauen, bis es Ihnen etwas vom Geheimnis erzählt, was keineswegs bedeutet, dass das Bild sein Geheimnis ausplaudert. Es geht ja nicht um ein Geheimnis in dem Sinn, dass jemand etwas weiß, das er nur nicht verrät. Auch Bildertitel sollten nicht zu wichtig genommen werden. Jedes Bild könnte unzählige andere Titel haben, weil es auf vielfältige Weise von verschiedenen Menschen wahrgenommen werden kann. Der Titel entschlüsselt das Geheimnis höchstens teilweise.

Mein Bild „Hüterinnen des Geheimnisses“ thematisiert dieses Hüten des Geheimnisses. Zwei Frauen hüten das Geheimnis. Manchmal wird behauptet, dass Frauen nur schwer ein Geheimnis für sich behalten können, das sei nun dahingestellt, es geht ja hier nicht um ein Geheimnis, das jemand weiß und nur nicht weitersagt. Das Bild spricht davon, dass das Geheimnis behütet werden muss, dass es nicht zerstört werden darf durch verstandesmäßige, wortreiche Aufdeckung.

Der Soziologe und Theologe Raimer Gronemeyer sagt: „Wer ein Geheimnis lüftet, der zerstört es. Zum Geheimnis gehört die Verborgenheit. Im Wort Geheimnis steckt das Wort „Heim“, „Heimat“. Der Sinn der Geheimnisse besteht nicht darin, dass wir sie verstehen, sondern dass wir sie bewohnen... (dass wir) inmitten einer unheimlichen Welt im Geheimnis daheim sind.“

In diesen Worten klingt Geborgenheit an. Eine innere Heimat trägt uns in einer unsicheren Welt, in einem Fluss von Werden und Vergehen. Es ist der tragende Grund, in dem wir wurzeln und von wo aus wir wachsen können.

 

 

 

Die Erde ist aus Himmel geschaffen
Vernissagenrede Diakonie-Kliniken, 15. 5. 11
von Carola Justo


Sehr geehrte, liebe Anwesende,

… Auf drei Etagen können Sie insgesamt 63 meiner Bilder sehen. Das ist sehr viel für eine einzige Ausstellung, und deshalb ist es ratsam, sich bestimmte Bilder, die einen besonders ansprechen, herauszupicken, länger anzuschauen, zu warten, dass das Bild zu sprechen beginnt. Wenn man nur vorbeiflaniert, dann hat ein Bild keine Chance, im Herzen des Betrachters etwas zu bewegen. Andererseits kann man natürlich nicht alle Kunstwerke mit gleicher Intensität betrachten. Die Zeit und auch die Aufnahmefähigkeit reichen nicht. Da ist es besser, eventuell noch einmal zu kommen.

Ich möchte Ihnen nun einiges darüber sagen, was passiert, wenn man schöpferisch tätig ist. Zunächst ist da der Nullpunkt, das ist die weiße Malfläche. Vincent van Gogh schrieb in einem Brief an seinen Bruder und Förderer Theo: „Du weißt nicht, wie lähmend das ist, das Anstarren einer weißen Leinwand, die zum Maler sagt: ‚Du kannst nichts.’ Die Leinwand hat ein idiotisches Starren und hypnotisiert manche Maler... Viele Maler fürchten sich vor einer weißen Leinwand, aber die weiße Leinwand fürchtet sich vor dem wahren, leidenschaftlichen Maler, der wagt und der einmal durch die Hypnose dieses ‚Du kannst nichts’ hindurch gebrochen ist.“

Wenn man als Maler auf diese starre, weiße Fläche schaut und der Verstand sogleich einen festen Plan ausheckt, wird die Freiheit des Schaffens stark eingeschränkt, die Quelle der Kreativität wird zubetoniert. Deshalb plane ich kein Bild. Man sieht es einem Bild an, wenn es vollständig vorausgeplant wurde, es wirkt unlebendig. Es kann aber sein, dass selbst durch die Betonschicht des Verstandes die Pflanze der Intuition es schafft, sich emporzurecken. Wir können die Betonschicht aber auch gleich weglassen, die Logik aussetzen und in kindlicher Freude die Welt umkehren, die Sonne vor statt hinter dem Berg aufgehen lassen, Boote zwischen die Wolken setzen und den Himmel auf die Erde fallen lassen.

Kindlichkeit, Spontaneität, Intuition, das ist unabdingbar, um kreativ sein zu können, aber ganz so einfach ist es doch nicht. Es muss noch ein Gegensatz dazu kommen: Disziplin. Ohne regelmäßiges Arbeiten hat die Intuition kaum eine Chance, zu kommen. Überhaupt ist künstlerisches Schaffen nur möglich, wenn Gegensätzlichkeiten in der Person da sind, Paradoxien, z. B. eine starke Introversion, d. h. Neigung zur Innenschau, und eine starke Extraversion, also die Neigung, nach außen zu gehen. Wenn man eine reiche Innenwelt hat, aber nicht gleichzeitig extrovertiert ist, fehlt der Wunsch zum Ausdruck und zur Präsentation und alles bleibt im Innern verschlossen. Fehlt die Introversion und ist nur Extraversion da, dann wird alles zur Show und wird Lärm. Davon ist unsere Welt voll.

Nicht nur in der Persönlichkeit eines Kunstschaffenden müssen Gegensätzlichkeiten vereint sein, sondern diese Gegensätzlichkeiten oder Paradoxien zeigen sich auch im kreativen Tun: da gilt es, loszulassen von Vorstellungen und Plänen, aber doch die Zügel zu behalten, kein Ergebnis anpeilen und doch ein Ergebnis erreichen, den Verstand zurückdrängen, aber ihn dann doch zu Rate ziehen, innerlich frei sein und sich doch an Regeln halten. Es gilt also, männliche und weibliche Eigenschaften miteinander zu verbinden, Yin und Yang, Himmel und Erde.

 „Die Erde ist aus Himmel geschaffen“ ist der Titel meiner Ausstellung, ein Satz, den ich einem Gedicht von Fernando Pessoa entnommen habe. Himmel und Erde sind demnach nichts wirklich voneinander Getrenntes. Der Mensch ragt in seiner aufgerichteten Haltung in den Himmel und ist mit den Füssen der Erde verbunden und das Herz ist der Ort, an dem Himmel und Erde zusammen kommen.

Doch nun noch einmal zurück zum Konkreten. Damit die Intuition kommen kann, überdecke ich mit einem dicken Pinsel das Weiß der Malfläche in ein, zwei Minuten mit einer einzigen Farbe. Meistens ist es Blau oder Blaugrün, in letzter Zeit ist es häufig auch Rot, und dann schaue ich diese Unregelmäßigkeiten, Zufälligkeiten, dieses Chaos an. Vielleicht finde ich irgendwo die Andeutung eines Gesichts, eines Baumes, eines Vogels. Und an der Stelle, an der ich irgendetwas erkennen kann, beginne ich zu malen. Ich arbeite also mit dem Zufall zusammen. Sie sehen, die Liebe zur Farbe, die Inspiration durch die Farbe, das ist mein Ausgangspunkt.

Vor Jahren fragte mich ein evangelischer Theologe, der ein Kunstkenner war, ob ich in der Malerei dem Zufall folge. Etwas verschämt gestand ich ihm, dass es sich so verhält. Dann sagte er: „Das ist sehr gut. Der Zufall, das ist nämlich Gott.“ Dieser Satz hat mich erstaunt und mich ermutigt, zu dem zu stehen, was ich tue und wie ich es tue. Heute sehe ich es auch so, dass Gott durch all die so genannten Zufälle in unserem Leben zu uns spricht – und natürlich auch durch den Zufall im schöpferischen Tun. Der Zufall ist ja das, was uns zufällt, das, was uns entgegen kommt, damit wir etwas daraus machen.

Wenn wir diesen Zufall, der ja nur scheinbar Zufall ist, mit der inneren Notwendigkeit verbinden, kann etwas Lebendiges entstehen. Was bedeutet innere Notwendigkeit? Wassili Kandinsky prägte diesen Begriff , und er meinte damit, dass man als Künstler zulässt, was von innen kommen will, was notwendigerweise von innen kommen muss. Das Bildthema wird dann immer einem inneren Bedürfnis folgen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ein Bildthema, das ich mir vorgenommen habe, fast immer umgebogen wird und dass ein anderes Thema entsteht, also etwas, das ich nicht gesucht und nicht beabsichtigt habe. Warum ist das so? Weil im Unbewussten ein anderes Thema vorlag als im Kopf. Beide können während des Schaffens im Streit miteinander liegen. Das Bild wird aber nur dann gelingen, also lebendig sein, wenn die aus dem Unbewussten kommende Intuition in diesem Streit die stärkere Kraft war.

Letztes Jahr malte ich Kreisbilder, die ich Gärten nannte und ich konnte mir damals gar nicht vorstellen, dass ich jemals wieder etwas anderes malen würde. Vor kurzem malte ich sehr längliche Bilder mit großen Knospen und wieder hatte ich das Gefühl, dieses Thema würde endlos weitergehen. Das war deshalb so, weil es einer tiefen inneren Notwendigkeit entsprang. Aber nach drei Knospenbildern war es schon vorbei mit dem Thema Knospen. Es entstanden sogleich Bilder aus einer neuen inneren Notwendigkeit, nämlich die beiden Bilder, die in starken Rottönen, Pink und Flieder gehalten sind. Diese Bilder haben mich noch mehr als sonst überrascht, deshalb nannte ich sie Surprise I und II, also Überraschung. Surprise II ist erst Anfang dieser Woche fertig geworden, und erst gestern fiel es mir wie Schuppen von den Augen, dass das Malen der Knospen zuvor, die ja Symbole sind für eine neue Blüte, etwas Neues einleitete. Aus den Knospen wollte eine neue Blüte aufgehen. Bildthemen entsprechen ja seelischen Vorgängen.
 
Ich habe auch nie vor, Bäume oder Vögel zu malen, aber sie tauchen einfach immer wieder auf, d. h. ich sehe sie in den diffusen einfarbigen Strukturen meiner Ausgangsbasis. All das, was auftaucht, sind Symbole, sie stehen für etwas andere. Der schwarze Vogel, die Amsel bedeutet für mich der Ruf aus einer überweltlichen Wirklichkeit und gleichzeitig die Sehnsucht nach dieser anderen Wirklichkeit. Das rührt von daher, dass ich als Kind oft – besonders an lauen Sommerabenden – einen ganz bestimmten Ruf der Amsel hörte (die Amsel hat ja viele Gesänge), und dieser Ruf schien mir wie aus einer anderen Welt zu kommen und eine Sehnsucht nach etwas, das ich nicht benennen konnte, überkam mich. Es muss wohl daran liegen, dass die Amsel immer wieder in meinen Bildern auftaucht.

Damit etwas aus der Intuition kommen kann, brauche ich wie gesagt den Anblick einer bestimmten Farbe. Und seltsamerweise kommt eine bestimmte Art von Bildern, wenn ich Blau als Ausgangsbasis verwendet habe. Wenn ich Rot verwende, entsteht eine andere Art von Bildern. Eine weitere Eigenheit ist: wenn mir ein Bild nicht gefällt, dann übermale ich es vollständig mit roter Farbe. Das darunter liegende Bild schimmert dann an manchen Stellen noch heraus. Und dann finde ich an einer Ecke eine Form, die mir gefällt, und da beginne ich zu arbeiten. Bisher war es immer so, dass ich am Ende mit diesen Bildern, unter denen ein anderes lag, sehr zufrieden war.

Sie sehen, wie wichtig mir die Farbe ist. Ich finde, Farbe macht glücklich. Aber Farbe und Farbigkeit ist doch nicht alles. Farbe im Kunstwerk transportiert zusammen mit der Form eine Botschaft. Farbe und Form eines Bildes schaffen zusammen im idealen Fall den Klang eines Bildes, wie Kandinsky es ausdrücken würde. Starke Farbigkeit in einem Kunstwerk steht für starke innere Bewegtheit und ist dem Expressionismus zueigen, dem ich nahe stehe.  Lassen Sie die Farbe in sich ein, aber bleiben Sie bitte da nicht stehen. Es gibt noch mehr als das. Aber ähnlich wie der Künstler während des Schaffens den Verstand eher im Hintergrund halten sollte, so ist es für den Betrachter auch ratsam, ein Kunstwerk nicht mit dem Kopf anzuschauen, es nicht erklären wollen, die Botschaft nicht formulieren wollen, das Geheimnis nicht lüften wollen, sondern es über das Auge direkt in sich eingehen lassen.

Im Kunstschaffen gelten die gleichen geistigen Gesetze wie im übrigen Leben. Das Wesentliche im Leben wie in der Kunst ist nicht machbar, sondern ein Geschenk. Ein Erlebnis ist nicht machbar, es ist nicht planbar. Wenn wir alles planen wollen, können wir die Geschenke des Zufalls, die Überraschungen nicht wertschätzen. Was wäre ein Leben ohne Überraschungen? Auch Kunst soll überraschen, und zwar sowohl den Kunstschaffenden wie auch den Kunstbetrachter.

Da ich sehr auf mein inneres Gefühl höre, verfalle ich nicht so leicht dem, was alle tun oder was alle sagen und nehme mir die Freiheit heraus, dem Negativitätskult und der Kopflastigkeit in der momentan noch dominierenden Kunstszene nicht zu folgen. Wir brauchen in dieser Welt, die einerseits sehr schön, andererseits aber auch krank ist, etwas Positives, wir brauchen Farbe und Schönheit, damit wir nicht verhärtet werden gegen die Sehnsucht unseres eigenen Herzens, wie der Meditationslehrer Karlfried Graf Dürckheim es ausdrückte.

Wenn man regelmäßig Meditation praktiziert, kommt es manchmal vor, dass man nach einer Meditationssitzung die Augen öffnet und sieht, dass die Welt in noch größere Schönheit eingetaucht ist. Dann ist es so, als wäre etwas vom Himmel auf die Erde gefallen. Die Dinge leuchten dann mehr als zuvor. Ich wünsche Ihnen, dass auch dieser Tag für Sie Leuchtkraft hat.

 



Texte zur Ausstellung "Atem der Schöpfung" im Rathaus Hann.Münden vom 7.11. bis 12.12.10

 

„ATEM DER SCHÖPFUNG“
Rede von Carola Justo zu ihrer Vernissage
im Rathaus Hann.Münden am 7. 11. 2010


„Atem der Schöpfung“ heißt der Titel dieser Ausstellung. Die Schöpfung ist immer und überall von Polarität, von einem Zweiklang der Gegensätze durchdrungen: Tag und Nacht, Entstehen und Vergehen, Ebbe und Flut, Mann und Frau. Unser Leben ist ebenfalls ein ständiges Spiel der Gegensätze: Freude und Leid, Wachen und Schlafen, Ein – und Ausatmen. Ohne dieses Zusammenwirken der Gegensätze wäre Schöpfung nicht möglich, wäre unser Leben gar nicht möglich.

Wie könnte es also anders sein, dass ein Künstler, der schöpferisch ist, mit diesen Gegensätzen zu tun hat? Zunächst ist da die weiße Leinwand oder die weiß grundierte Holzplatte. Ich trage eine Farbe auf, meistens helles Blau oder Grünblau oder aber Gelb. Dann tupfe ich in die nasse Farbe hinein, und es entsteht ein Chaos. Ich betrachte dieses Chaos, dieses völlig Undefinierte, das unendliche Möglichkeiten birgt. Bevor ich das Chaos auf die Leinwand bringe, habe ich schon eine vage Idee, was ich malen möchte, aber diese Idee verwandelt sich meistens während des Malens. Ich beginne also, an dem Chaos zu arbeiten und Ordnung hineinzubringen. Eines entwickelt sich dann aus dem anderen.

Warum Ordnung ins Bild bringen? Deshalb, weil es keine Schönheit ohne Ordnung gibt. Und warum will ich überhaupt Schönheit? Wer Hässliches, Chaotisches  und Disharmonisches malt, liegt doch voll im Trend, wenigstens bis jetzt noch. Der Völkerkundler Irenäus Eibl-Eibesfeldt, der u. a. das Buch „Weltsprache Kunst“ schrieb, wurde gefragt, warum er Schönheit für so wichtig hielt, und er antwortete: „Schönheit macht friedlich. Und ich bin ein Pazifist.“

Glatte, abgeleckte Schönheit allerdings geht in Richtung Kitsch und macht einen nicht friedlich, sondern hinterlässt das vage, vielleicht halb-bewusste Gefühl, belogen worden zu sein. Aber Schönheit, die Sehnsucht hervorruft, macht uns friedlich auf eine Weise, dass wir zu uns selber kommen. Sehnsucht ist ja ein spannungsvolles Gefühl, das uns zunächst ein wenig unruhig macht, aber verweilen wir beim Anblick dessen, das Sehnsucht in uns hervorruft, werden wir ruhig. Unser Atem wird beim Betrachten tiefer, das bedeutet: wir ruhen dann stärker in uns selber und kommen in Gleichklang mit dem Angeschauten.

Diese Ausstellung enthält ja auch die von mir gemalten Ikonen. Hier gelten andere Regeln als bei der freien, intuitiven Malerei. In der Ikonenmalerei geht man nicht von einem Chaos aus, sondern von vorgegebenen Formen. Der Intuition wird hier ein viel kleinerer Spielraum zugestanden.

Ich werde oft gefragt, wie ich zu den Themen meiner Bilder komme. Die Themen werden nicht vorrangig vom Kopf gesteuert. Manchmal nehme ich mir ein bestimmtes Thema vor, aber während des Malens entsteht meist ein anderes Thema, weil das Unbewusste etwas anderes will. Ich halte es für ganz wichtig, mich beim Malen vom Unbewussten leiten zu lassen, nur dann kann wirklich etwas fließen.

In letzter Zeit stelle ich fest, dass sich bestimmte Merkmale in meinen Bildern wiederholen, die ich ebenfalls nicht beabsichtigt habe, so z. B. dass in vielen meiner Bilder das Große aus dem Kleinen wächst und das Kleine und Schwache das Schwere und Gewaltige trägt. Auch wird Kleines groß, und Großes klein, z. B. Vögel werden riesig, Häuser winzig klein. Dies entstand spontan, ungeplant.

Ich möchte Ihnen anhand des Bildes „Evolution“ verdeutlichen, welches Zusammenspiel von Denken und Intuition es geben kann, wenn ein Bild entsteht. Seit vielen Jahren ist Evolution ein für mich faszinierendes Thema. Es geht mir nie darum, mit meiner Kunst mitreden zu wollen bei einem aktuellen Thema. Ein Thema muss ganz von innen heraus entstehen. Wollte ich nur mitmachen bei einem Modethema, so wäre das etwas Aufgesetztes, es wäre nicht die erlebte Wirklichkeit.

Ich begann also, mit der Idee der Evolution im Hinterkopf, dieses Bild zu malen. Ganz bewusst, also vom Kopf her, entschied ich mich für die Spiralform. Denn Spiralen sind Symbole der Entwicklung, d. h. etwas, das eingefaltet ist, also latent schon vorhanden ist, darf sich ausfalten, entfalten, entwickeln. Im Bild sehen Sie eine große Spirale und eine kleine Spirale. Die kleine Spirale ist gleichzeitig die Öffnung eines Füllhorns, aus dem Pflanzen wachsen. Dieses Füllhorn war nicht geplant. Es entstand einfach. Nachdem es entstand, las ich nach in meinem Lexikon der Symbole: das Füllhorn ist ein Symbol der Überfülle. Beziehen wir das auf die Evolution, so wäre das die Überfülle der Geschöpfe, der Gattungen. Das Füllhorn entstand also aus dem Unbewussten, so dass es mich selber erstaunt hat.

Aber was mich noch mehr erstaunte, geschah erst Monate später. Ich sah in einem Buch eine Zeichnung, die den Querschnitt des Gehirns darstellte. Zum ersten Mal sah ich mir diesen Querschnitt wirklich genau an. Am nächsten Tag schaute ich zufällig auf mein Bild „Evolution“ und merkte, dass es ziemlich exakt den Querschnitt des Gehirns wiedergibt: das Rückenmark, das Kleinhirn, das Großhirn, das sich im Laufe der Evolution im Menschen zu solcher Größe entfaltet hat und in der Mitte das Zwischenhirn, von wo aus die Stoffwechselvorgänge gesteuert werden, so auch der Herzschlag. In diesem Teil, das dem Zwischenhirn entsprechen würde, habe ich einen Baum gemalt, der gleichzeitig ein Kreuz ist – beides sind die  Lebenssymbole an sich. Von diesem Kreuz-Lebensbaum aus gehen die Verbindungen in andere Regionen. Alles ist miteinander verbunden.

Wäre meine Ursprungsidee gewesen, das Gehirn abzubilden anhand einer Zeichnung aus einem medizinischen Lehrbuch, ich garantiere Ihnen, das Bild wäre völlig anders geworden, es wäre nicht lebendig geworden, es könnte nicht wirken. Kunst muss aus dem ganzen Wesen des Künstlers entstehen, nicht nur aus seinem Verstand, sondern vor allem aus seinem Erleben, aus dem, was ihn innerlich bewegt und was sich tief in sein Unbewusstes gepflanzt hat. Wenn Kunst aus der inneren Wirklichkeit des Künstlers kommt, dann kann sie auch wirken.

Das menschliche Gehirn ist das am höchsten entwickelte materielle Produkt der uns bekannten Schöpfung. Es ist das höchste Produkt der Evolution. Im letzten Jahr gab es lange andauernde Diskussionen über den vermeintlichen Widerspruch von Schöpfungsglaube und Evolutionsgedanken. Für mich gibt es diesen Widerspruch nicht, für mich ist Evolution Schöpfung und Schöpfung ist Evolution. Ich halte den von den Medien künstlich geschaffenen Gegensatz für eine Täuschung und Verfälschung mit dem Ziel, Naturwissenschaft und Religion fein säuberlich getrennt zu halten und die Religion dabei schlecht abschneiden zu lassen, vor allem wenn man Schöpfungsglauben mit Kreationismus gleichsetzt. Die Massenmedien ignorieren, dass es hochrangige Naturwissenschaftler wie Theologen gibt, die daran glauben, dass die Schöpfung in evolutionären Schritten immer weiter voranschreitet. Ich glaube, dass die Evolution die Schöpfungsmethode Gottes ist.

Unser Gehirn arbeitet im 3-Sekunden-Takt, d. h. es arbeitet immer im Rhythmus des Ein- und Ausatmens, da Ein- und Ausatmen jeweils etwa 3 Sekunden dauern. Atmend schreitet die Schöpfung fort. Im Hinduismus glaubt man, dass Gott die Welt schöpft, indem er ausatmet und die Welt dann wieder durch sein Einatmen in sich hineinzieht, in endloser Wiederholung. Die Verbindung von Atem und Schöpfung wird aber auch in unserer abendländischen religiösen Tradition gesehen, wenn auch auf andere Weise.

Warum spreche ich bei einer Vernissage über diese Dinge zu Ihnen? Warum habe ich Ihnen nicht erzählt, welche Farbtuben ich verwende oder wie viele Tage ich für das Malen eines Bildes brauche? Weil die Botschaft wichtiger ist. Kunst, so sagt der Komponist Heinrich Kaminski,  kommt von „Künden“. Ein Künstler, egal ob Maler, Schriftsteller oder Komponist, muss etwas zu künden haben, etwas kundgeben, was er in sich vernommen hat, etwas aussagen, das die Menschen bewegt und in Bewegung bringt und das positiv in die Welt hinein wirkt. Wenn man als Küuuml;nstler nichts zu künden hat, verlegt man sich auf das Inhaltslose oder sogar auf das Kaputtschlagen.

Bitte folgen Sie mir noch in ein paar abschließende Gedankengänge. Die alten Ägypter sahen die Welt als eine Schriftrolle. Demnach enthält die Welt eine Mitteilung, die Welt ist eine Mitteilung. Wenn die Welt eine Mitteilung ist, was hat sie uns dann zu berichten, zu künden?    Naturwissenschaftler sagen heute, dass es im Universum mehr gibt als Materie und Energie, es gibt eine dritte Kraft, die im Grunde die erste Kraft ist, weil sie nämlich vor Energie und Materie da war, diese Kraft nennt die Wissenschaft Information, die in Materie und Energie enthalten ist, ohne aber Materie und Energie zu sein. Und gemeint ist keine tote Information, sondern das Wesen dieser Information ist Austausch und Beziehung. Was die Naturwissenschaft Information nennt, heißt in Kunst und Religion Botschaft. Die Naturwissenschaft steht vor einem Rätsel, Religion und Kunst stehen vor einem Geheimnis.

Dieses Rätsel oder Geheimnis wird nie ganz entschlüsselt werden, weder vom einzelnen Menschen noch von der Naturwissenschaft, noch von der Religion. Auch das Kunstwerk, wenn es wirklich ein Kunstwerk ist, enthält und behält ein Geheimnis, das selbst durch die treffendste Deutung nicht entschlüsselt werden kann. Der Naturwissenschaftler Ernst Peter Fischer sagt: „Wenn ich die Wahrheit ausspreche, behält sie ihr Geheimnis. Ästhetisch formuliert: Wenn ich die Wahrheit sagen will, muss ich dies poetisch tun – in Bildern und Gleichnissen…“ Ernst Peter Fischer nennt Wissenschaft und Kunst die sich ergänzenden Formen der Erkenntnissuche. Ich würde es noch ausweiten wollen und sagen: Wissenschaft, Kunst und Religion sind die sich ergänzenden Formen der Erkenntnissuche.

Ist Ihnen übrigens aufgefallen, dass das Jesuskind auf den Ikonen manchmal eine Schriftrolle in der Hand hält? Es ist nicht so leicht als solche zu erkennen. Die Schriftrolle symbolisiert die Welt als eine Botschaft, die eingerollt, eingewickelt ist, und die sich dann entwickelt, so dass die verborgene Botschaft deutlicher werden kann. So verschieden auch meine Ikonen von den übrigen meiner Bilder sind: sie sprechen, wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise, von einer Welt, die mehr als Materie und Energie ist, die mehr ist als unsere Sinne wahrnehmen können. Sie sprechen davon, dass die Welt ein Geheimnis ist. Der Schleier dieses Geheimnisses kann durch die Naturwissenschaften, Religion und Kunst ein wenig gelüftet werden, aber das Geheimnis bleibt bestehen.

Carola Justo

 

 

Bildbetrachtung


Nicht jedes Bild wirkt auf jeden Menschen. Es gibt Bilder, die tragen zwar ein großes Potential in sich, ein Erlebnis auszulösen, aber da muss gleichzeitig eine entsprechende Verfasstheit im Betrachter da sein. Wie bei einem Musikinstrument muss im Betrachter eine bestimmte Saite vorhanden sein, damit etwas in seinem Innern klingen kann, und es muss der richtige Moment da sein. Vielleicht wirkt ein Bild nicht jetzt auf den Betrachter, sondern erst in einer Stunde, am nächsten Tag oder auch erst nach Jahren. Auch können niemals alle Bilder einer Ausstellung im einzelnen Betrachter ihre Wirkung entfalten. Bei einer so großen Anzahl von Bildern ist es ratsam, sich das eine oder andere Bild, das einen besonders anzieht, länger zu betrachten, damit es seine Wirkung entfalten kann. Lassen Sie dann etwas von dem Bild zu sich hinüber fließen, lassen Sie sich berühren. Das Bild, das Sie besonders anspricht, sagt etwas über ihre momentane Verfasstheit, vielleicht sogar über Ihr Wesen.

Auch wenn ich Sie zu eigenen Interpretationen ermutigen will, so meine ich damit nicht, dass im Bild angestrengt etwas heraus gesucht werden soll. Lassen Sie einfach ein Bild als Gesamtes auf Sie wirken. Wer in abstrakten Formen unbedingt etwas Gegenständliches herauszufinden versucht, ähnelt einem Spaziergänger, der im Wald nach einem verlorenen Gegenstand sucht. Die Augen auf den Boden gerichtet, übersieht er den Wald, kann die Atmosphäre des Waldes gar nicht aufnehmen. Außerdem liegt der verlorene Gegenstand sowieso woanders: der Spaziergänger sucht am falschen Ort und verpasst dazu noch das Erlebnis der ihn umgebenden Wirklichkeit. Verweilen Sie vor dem Bild, nehmen sie es als Gesamtheit in sich auf und geben Sie dem Bild Zeit, Ihnen etwas sagen zu können.

Bei den Ikonen haben Sie es zwar mit gegenständlicher Malerei zu tun, aber nicht mit realistischer. Wenn Sie nun eine Ikone betrachten und feststellen, dass die Gewänderfalten nicht plastisch sind, dass das Jesuskind auf dem Arm der Muttergottes schwebt, Sie jedoch von jedem Bild verlangen, dass es realistisch sein muss, dann kann die Ikone auch nicht zu Ihnen sprechen. Warum in Ikonen vieles schematisiert dargestellt wird, habe ich auf einem gesonderten Text, den Sie in dieser Ausstellung vorfinden, niedergeschrieben.

Schauen Sie ein Bild einfach eine Weile an. Verweilen Sie davor, und wahrscheinlich werden Sie dann ganz ruhig werden oder vielleicht vor manchem Bild auch andächtig. Tauchen Sie ein in die Welt des Bildes.
 

Carola Justo

 

 

Liebe Kunstbetrachterin, lieber Kunstbetrachter!
„Warum wollen die Leute immer Kunst verstehen? Man versucht doch auch nicht, den Gesang eines Vogels zu verstehen“, sagte Picasso. Es geht ja wirklich nicht darum, Kunst mit dem Kopf zu verstehen, sondern mit dem Herzen, also Kunst zum Herzen sprechen zu lassen wie den Gesang eines Vogels. Mit wenigen Erläuterungen versuche ich jetzt, Ihnen etwas zu meinen Bildern zu sagen ohne hoffentlich Ihre eigene Herzenssprache zu übertönen.

Das Herz des Menschen und das Herz der Dinge werden in meinen Bildern symbolisiert durch den roten Kreis. Das Herz findet sich z. B. auch in den sehr hochformatigen Bildern „Einströmen“, „Grünkraft“ und „Gleichgewicht“ – diese Bilder sind, wie Sie unschwer erkennen können, Kreuze. Im Schnittpunkt der Horizontalen mit der Vertikalen finden Sie das „Herz“. Wenn wir unsere Arme ausstrecken, so bildet unser Körper die Kreuzform, und ist es nicht etwas sehr Geheimnisvolles, dass sich genau im Schnittpunkt der „Motor“ des Lebens  befindet? Der rote Kreis ist in meinen Bildern aber manchmal auch das Herz unserer Welt: die Sonne, welche Licht, Wärme, Leben und ständigen Neubeginn symbolisiert.

In meinen Bildern sehen Sie häufig Boote. Boote haben einen tragenden Grund, sie sind das Beständige im ununterbrochenen Fluss von Werden und Vergehen. Boote symbolisieren die Lebensreise. Es sind Boote zu sehen, die Bäume bringen. Bäume sind ebenfalls Lebenssymbole, sie symbolisieren die Lebensreise. Während Boote am Horizont entlang gleiten, stehen Bäume aufrecht, sie recken sich dem Himmel entgegen. Boot und Baum: Horizontale und Vertikale sind miteinander verbunden, so wie beim Kreuz, das unter anderem die Vereinigung von Himmel und Erde darstellt.

In vielen meiner Bilder ist die Verwobenheit der Menschen mit der Natur sichtbar, oder aber die Landschaften fließen ineinander. Dostojewskij schrieb: „Alles fließt und berührt sich. An einer Stelle rührst Du es an, und am anderen Ende der Welt wird es gespürt und hallt es wieder... Alles ist wie ein Weltmeer, sage ich Euch...Vieles auf Erden ist uns verborgen. Als Ersatz dafür aber wurde uns ein geheimnisvolles heimliches Gefühl zuteil von unserer pulsierenden Verbindung mit einer anderen Welt, einer erhabenen und höheren Welt.“

Und so als würde sie Dostojewskijs Ideen fortführen, schrieb die Schriftstellerin Arundhati Roy: „Eine andere Welt ist nicht nur möglich, sie ist unterwegs. An ruhigen Tagen kann ich ihren Atem hören.“ Atem der Welt, Atem der Schöpfung.

Zum Schluss möchte ich nur noch sagen, dass es nicht so wichtig ist, was „der Künstler/die Künstlerin gedacht hat“. Denken Sie daran, was Picasso sagte und betrachten Sie die Bilder (oder vielleicht nur einige wenige) so, als würden Sie einem Vogelgesang lauschen. Das Bild „Lege einen Zweig ins Herz“ und ist eine Anspielung auf ein chinesisches Sprichwort und fordert Sie auf: „Wenn Du einen Zweig in Dein Herz legst, wird sich vielleicht ein Vogel darauf setzen und anfangen zu singen.“                                                                   

Carola Justo

 

 

Die heilsame Wirkung von Ikonen


Wir Menschen können nur eine bestimmte Bandbreite von Tönen wahrnehmen. Es ist ganz eindeutig, dass auch unser Sehvermögen sehr begrenzt ist. Wir sind im Grunde halbblind und halbtaub. Im Hymnus des orthodoxen Heiligen Simeon aus dem 11. Jahrhundert heißt es, dass Gott sich niemals vor irgendjemand verborgen hat, sondern dass wir es sind, die uns vor Gott verbergen. Wir könnten auch sagen: nicht Du, Gott, bist unsichtbar, sondern wir sind blind. Nicht Du, Gott, bist stumm, sondern wir sind taub.

Ikonen helfen uns zu sehen. Ikonen werden Fenster zur Ewigkeit genannt. Aber wir können nur Oberflächliches wahrnehmen, wenn wir auf die gleiche Weise Ikonen anschauen, wie wir in ein Schaufenster gucken. Ikonen blicken den Betrachter an. Sie erschließen sich, wenn der Betrachter still wird und sich berühren lässt vom Angeschauten. Dann können Ahnungen hochkommen und Sehnsucht: Sehnsucht nach dieser anderen Wirklichkeit, für die unsere Augen und Ohren zu stumpf sind.

Die Gesichter auf den Ikonen haben keine äußere Lichtquelle, sie strahlen das Licht von innen heraus. Man kann sie mit Kirchenfenster vergleichen, durch die das Licht scheint. Die Gestalten auf Ikonen werfen keinen Schatten, denn sie unterliegen ja nicht den Gesetzmäßigkeiten dieser Welt. Das Jesuskind, das von der Muttergottes getragen wird, wirft keinen Schatten auf das Gewand seiner Mutter, und deshalb scheint es zu schweben. Die Falten der Gewänder sind sehr vereinfacht, sie treten nicht plastisch hervor, denn sie gehören nicht der Dingwelt an. Das Jesuskind sieht meist aus wie ein kleiner Erwachsener, denn er ist nicht das niedliche Baby, sondern er ist der Heiland. Zudem zeigt er auf, dass in ihm, wie in jedem Kind, schon auch der Erwachsene da ist, so wie in jedem Erwachsenen immer auch noch das Kind vorhanden ist.

Die Muttergottes mit dem Jesuskind ist ein Lieblingsthema vieler Ikonenmaler. Solche Bilder sind Sinnbilder der innigen Verbundenheit von Mutter und Kind und – von Weiblichem und Männlichem. Maria, die Muttergottes ist das Urbild des Weiblichen und Mütterlichen.

Jeder Mann hat auch Weibliches in sich, und jede Frau Männliches. Maria mit Jesus ist ein Bild der weiblich-männlichen Ganzheit, der Vollständigkeit des Menschen, besonders deutlich wird das auf Ikonen, auf denen das Jesuskind innerhalb einer Kreisform auf dem Leib Mariens abgebildet ist.

Vielleicht ist das der Grund, dass manchmal Menschen, die nicht katholisch oder orthodox sind, angezogen werden von Marienabbildungen, besonders von Maria mit dem Kind. Sie sagen z. B., sie liebten solche Bilder, weil sie Frieden ausstrahlen. Aber woher kommt dieser Friede? Er kommt vom Erlebnis der Ganzheit, der Verbindung von Gegensätzen. Ähnliches geschieht, wenn wir ein abstraktes Kreisbild, ein Mandala anschauen, da wird in uns selber etwas rund und ganz, die innere Zerrissenheit wird einen Moment lang aufgehoben, und deshalb erleben wir inneren Frieden.

Alles, was wir anschauen, wirkt stärker auf uns, als wir glauben. Wenn wir Gold anschauen, werden im Körper Glückshormone ausgelöst. Und nicht nur das: wir spüren, wenn wir das Gold auf Ikonen sehen, Sakrales, Heiliges - wenn wir diese Empfindung zulassen. Das Gold der Ikonen steht für das Göttliche, es leuchtet von selbst. Farbe entsteht, wenn das Licht dieser Welt auf Dinge fällt. Gold dagegen ist selbst Licht.

Das Heilige, darum geht es in den Ikonen. Das Heilige im Menschen, das Heilige im Geschehen. Was heißt eigentlich heilig? Das Wort heilig ist verwandt mit heil und Heilung. Wenn der Mensch heil ist, und das kann er nur, wenn er an die große Quelle angeschlossen ist, die wir Gott nennen, wenn der Mensch also heil ist oder heil wird, dann entfaltet sich das Heilige in ihm. In jedem Menschen lebt das Heilige. Das Heilige führt oft nur ein Schattendasein im Unbewussten des Menschen, es wird verdeckt durch Schichten um Schichten von seelischem und geistigem Unrat. Im Menschen, den wir als Heiligen bezeichnen, sind die Schichten dünner, und das Heilige kann strahlender hervorscheinen. 

Bilder von Heiligen lassen Ahnungen in uns hochkommen – wenn wir sie denn zulassen - , dass Heiliges auch in jedem von uns ist. Wenn wir solche Abbildungen ablehnen, dann kann das ein Zeichen sein, dass wir diesen Aspekt in uns nicht wollen. Zu Sigmund Freuds Zeiten verdrängte man Triebimpulse, heute verdrängt man religiöse Impulse.

Berührungsängste mit religiösen Bildern werden manchmal religiös begründet, man hat Angst vor einem Kult, der nur von Gott ablenken würde. Den evangelischen Christen möchte ich sagen, dass Martin Luther in seinen späten Jahren religiöse Bilder für den kirchlichen Gebrauch empfohlen hat, nachdem er merkte, dass in seiner Gemeinde keine Gefahr eines Bilderkultes gegeben war. Er sagte, dass der Mensch doch in seinem Herzen ständig Bilder formt, und wenn er von Christus hört, dann steigt in ihm ein Bild von Christus auf.

Eine evangelische Pfarrerin, die eine besondere Neigung zu Ikonen und Abbildungen der schwarzen Madonna hat, erzählte mir, dass sie während einer schweren Krankheit nach Frankreich fuhr, auch deshalb, um dort täglich längere Zeit vor dem Bildnis einer schwarzen Madonna in einer Art Höhle zu sitzen. Sie sagte, dass der strenge Blick dieser schwarzen Madonna alles wegfegte, was unwahr und nicht wesensgemäß in ihrem Leben war. Nach einigen Tagen war sie geheilt. Das war keine Wunderheilung, sie hat sich nur dem Blick ausgesetzt, wie sie sagte, und erkannte dann, was sie in ihrem Leben ändern müsste, um gesund zu werden.

     Wir brauchen Bilder. Bilder sprechen zur Seele. Sie unterstützen die Heilung. Gerade in einer Zeit der Bilderflut brauchen wir andere Bilder. Die Bilderflut, die uns täglich umgibt, bringt uns selten heilsame Bilder. Wir sind es nicht mehr gewohnt, uns Zeit zu nehmen und ein heilsames, wohltuendes Bild länger als ein paar Momente anzuschauen, es in uns aufzunehmen, uns von ihm nähren zu lassen oder uns von ihm trösten zu lassen. Wir könnten aber wieder von neuem lernen, wie ein Kind zu schauen, nicht viel nachzudenken über ein Bild bzw. eine Ikone, sondern uns berühren und betreffen lassen - mit dem Herzen schauen.                                                                                       

Carola Justo