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	<title>Carola Justo</title>
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	<description>Malerei • Meditation • Literatur</description>
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		<title>In Berührung mit der Seele kommen</title>
		<link>https://carola-justo.de/in-beruehrung-mit-der-seele-kommen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[carolajusto]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 23 Feb 2025 11:36:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vortrag]]></category>
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					<description><![CDATA[Heute hört man kaum noch das Wort „Seele“. Man verwendet es allenfalls, wenn von seelischen Störungen gesprochen wird. Meist ersetzt man dann die Bezeichnungen „Seele“ oder „seelisch“ mit „Psyche“ oder „psychisch“, das bedeutet zwar auch Seele, aber es klingt weltlicher, wissenschaftlicher. Diese Gewohnheit rührt wohl daher, dass die Seele vielfach als etwas Ewiges verleugnet wird, dass man nicht mehr an ihre Existenz glaubt bzw. dass man davon ausgeht, die Seele wäre nur ein Produkt des Gehirns, wie uns der weit verbreitete Materialismus einreden will, sie wäre also ein Produkt der Materie und nicht umgekehrt. Spirituelle Traditionen sagen uns jedoch, dass der Geist zuerst da war und das Materielle aus ihm heraus entstanden ist.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>„Wir verlangen geradezu exzessiv nach Unterhaltung, Macht… und materiellen Dingen, und wir glauben, dass wir das alles finden, wenn wir die richtige Beziehung oder den richtigen Job, die richtige Kirche oder Therapie entdecken. Doch ohne Seele wird, was immer wir finden, unbefriedigend sein. Denn wonach wir uns wirklich sehnen, das ist die Seele in allen diesen Bereichen. Solange dieses Beseeltsein fehlt, versuchen wir, diese verlockende Befriedigung in großen Mengen zu erlangen, und glauben dabei offensichtlich, dass die Menge den Mangel an Qualität ersetzt.“ (Thomas Moore)</em></p>



<p>Heute hört man kaum noch das Wort „Seele“. Man verwendet es allenfalls, wenn von seelischen Störungen gesprochen wird. Meist ersetzt man dann die Bezeichnungen „Seele“ oder „seelisch“ mit „Psyche“ oder „psychisch“, das bedeutet zwar auch Seele, aber es klingt weltlicher, wissenschaftlicher. Diese Gewohnheit rührt wohl daher, dass die Seele vielfach als etwas Ewiges verleugnet wird, dass man nicht mehr an ihre Existenz glaubt bzw. dass man davon ausgeht, die Seele wäre nur ein Produkt des Gehirns, wie uns der weit verbreitete Materialismus einreden will, sie wäre also ein Produkt der Materie und nicht umgekehrt. Spirituelle Traditionen sagen uns jedoch, dass der Geist zuerst da war und das Materielle aus ihm heraus entstanden ist.</p>



<p>Die Seele hat keinen Ort, sie ist geheimnisvoll, weil sie sich verborgen hält. Sie macht sich bemerkbar, wenn sie schmerzt, und sie schmerzt, weil sie vernachlässigt oder schlecht behandelt wurde oder weil uns etwas Schweres aufgebürdet wurde. Außerdem macht sie sich durch Träume und Intuitionen bemerkbar, aber viele Menschen nehmen diese Phänomene nicht ernst.</p>



<p>Der amerikanische Psychotherapeut Thomas Moore spricht ganz bewusst immer wieder von der Seele. In seinem Buch „Seel-Sorge“ (Originaltitel „Soul Care“) geht es um die Pflege der Seele, bei der Spiritualität unbedingt miteinbezogen werden muss. Obwohl Thomas Moore selbst Psychotherapeut ist, kritisiert er die meisten Formen von Psychotherapie, die sich um Anpassung an bestimmte Maßstäbe, an gesellschaftliche Normen und um das Ego kümmern, aber die Seele vernachlässigen, indem sie Spiritualität ausklammern. Nach herkömmlichen Therapien soll der Mensch normal werden, es geht um das Reparieren und Ändern in Richtung Symptomfreiheit. Da kann es geschehen, dass man auf der Stelle tritt, oder dass nach einer Linderung der Symptome nach Jahren neue, andere Symptome auftauchen. Denn es ist eine Illusion, dass der Mensch symptomfrei, frei von Leid und normal sein könnte. Was heißt eigentlich „normal sein“? Wer definiert es? Kein Mensch ist normal.</p>



<p>Wie könnte es auch anders sein? Wir stammen alle aus Familien, die nicht normal waren. Heutzutage spricht man von dysfunktionalen Familien, so als ob sie die Ausnahme wären. Doch sie sind die Regel, sagt Thomas Moore, und das entspricht auch meiner Erfahrung, obwohl es hier natürlich graduelle Unterschiede gibt. Was ist eine dysfunktionale Familie? Mindestens ein Mitglied zeigt ein gestörtes, schädigendes Verhalten.&nbsp; Vielleicht spielt Sucht eine Rolle oder Gewalt, auch psychische Gewalt. Die Beziehungen untereinander sind gestört. Vielleicht sieht die Familie nach außen gesund aus, erscheint sogar wie aus dem Bilderbuch herausgenommen, aber dahinter verbergen sich vielleicht gravierende Probleme. Und wie könnte es anders sein, da die Gesellschaft krank ist, da die Welt krank ist? Die Familie ist eingebettet in die Gesellschaft, und wir sind eingebettet in die Familie. Die Familie ist das Spiegelbild der Welt, und in uns selbst spiegelt sich unsere Familie und somit die Welt. Nicht nur Familiensysteme sind allzu oft dysfunktional, auch berufliche Teams sind es. Wenn man ein Kollegium hat, das miteinander einigermaßen harmoniert, dann ist das ein großer Glücksfall. Die Krankheit der Welt spiegelt sich überall wider und bis in die politische Ebene hinein, da sogar am stärksten. In dieser Welt leben wir, und sie macht es uns schwer, mit unserer Seele in Berührung zu kommen.</p>



<p>In früheren Jahrzehnten wurde die Familie oft als Hort der Geborgenheit romantisiert, und heute spricht man häufig abfällig über sie. Man hält sie für schwierig, und das ist sie auch. Wenn man nicht weiß, dass Familiensysteme genauso wie andere soziale Gruppen mehr oder wenig gestört sind, führt das entweder zur Idealisierung der eigenen Familie, nämlich, indem wenn man diese Schwierigkeiten verleugnet, oder sie führt zur Ablehnung, wenn man glaubt, man wäre ausnahmsweise in eine dysfunktionale Familie hineingeboren worden. Eine realistische Sicht der eigenen Familie kann dazu führen, dass man im Frieden mit dem eigenen Schicksal ist.</p>



<p>Ich sagte, dass die Familie ein Spiegelbild der Welt ist. Die Welt ist gut und böse. Noch nie gab es eine heile Welt, und sie wird trotz aller Bestrebungen nie heil sein können. Die Gesellschaft war immer krank. Im Moment scheint sie mir kranker denn je zu sein, und das Krankhafte wird sich sicherlich noch ausweiten. Doch gehen wir zurück zum einzelnen Menschen.</p>



<p>In den Köpfen vieler Menschen gibt es Vorstellungen davon, wie man selbst sein sollte. Der normale Mensch – den es ja nicht gibt – sollte z. B. unabhängig und selbstsicher sein. Thomas Moore erzählt von einer Patientin, die in seine Praxis kam, weil sie sich nicht unabhängig genug fand. Er fragte sie, was das Problem wäre, abhängig zu sein. Psychotherapeuten klagen manchmal darüber, dass Menschen mit Luxusproblemen zu ihnen kommen und andere, die wirklich heftige seelische Krankheiten haben, umso länger auf einen Therapieplatz warten müssen. Das geht so ungefähr in die Richtung: Ich bin soundso, aber das ist verkehrt, ich will anders werden: selbstsicherer, souveräner, nicht mehr so impulsiv usw. Menschen mit diesen Anliegen übertragen dem Therapeuten die Aufgabe, etwas zu eliminieren, so wie der Zahnarzt einen kaputten Zahn zieht.</p>



<p>Thomas Moore sagte der Patientin, die sich zu abhängig empfand: „Wollen Sie nicht Leuten zugetan sein, von ihnen lernen, ihnen nahe sein… Teil einer Gemeinschaft sein, eine intime Beziehung eingehen?“ Ja, das wollte sie, sie wusste nicht, dass dies Abhängigkeit bedeutet. Und Thomas Moore wies sie darauf hin, dass diese Abhängigkeit natürlich auch ihre Schattenseiten habe, nämlich: Bedürftigkeit, Unterlegenheit, Kontrollverlust. Und das ist der springende Punkt: Man bekommt das Positive nicht ohne das Negative. Ein Perfektionist oder eine Perfektionistin glaubt, dass es möglich wäre, ausschließlich das Positive bekommen oder erreichen zu können.</p>



<p>Dadurch, dass wir Unnormales an uns haben, unterscheiden wir uns von anderen, wir sind nicht farblos, wir haben Persönlichkeit. Wie viele geniale und hochkreative Menschen waren völlig unangepasst, waren aufgrund einer schweren Kindheit seelisch gestört? Sie haben gerade deshalb Großartiges in die Welt gebracht.</p>



<p>Ich halte eine solche Erkenntnis für lebenswichtig. Denn sie verhindert, dass wir zu viel von uns selbst verlangen, und in der Folge auch zu viel von unserer Herkunftsfamilie, vom Partner oder der Partnerin, weil wir sie normal haben wollen. In dem Wissen, dass niemand normal ist, ist es leichter, sich und andere so anzunehmen, wie wir oder sie sind, wir müssen uns nicht umfunktionieren und noch weniger irgendjemand anderen. Wir geben den Kampfmodus auf. So ersparen wir uns viel Leid. Wir kommen weg vom Ego, wir nähern uns dem, was wir in der Tiefe sind.</p>



<p>Thomas Moore schreibt: „Wir verlangen geradezu exzessiv nach Unterhaltung, Macht… und materiellen Dingen, und wir glauben, dass wir das alles finden, wenn wir die richtige Beziehung oder den richtigen Job, die richtige Kirche oder Therapie entdecken. Doch ohne Seele wird, was immer wir finden, unbefriedigend sein. Denn wonach wir uns wirklich sehnen, das ist die Seele in allen diesen Bereichen. Solange dieses Beseeltsein fehlt, versuchen wir, diese verlockende Befriedigung in großen Mengen zu erlangen, und glauben dabei offensichtlich, dass die Menge den Mangel an Qualität ersetzt.“</p>



<p>Auch wenn es gilt, uns und unser Schicksal anzunehmen, bedeutet das nicht, dass wir alles schleifenlassen, sondern dass wir uns trotzdem ein wenig bemühen, der Seele nahe zu kommen, indem wir achtsam leben. Auf diese Weise sorgen wir für die Seele, die jenseits aller Verrücktheit ist. Immer dann, wenn wir das Gefühl haben: „Jetzt bin ich in meiner Mitte, jetzt fühle ich mich in Harmonie, jetzt bin ich selbst“, dann sind wir der Seele nahegekommen. Es kann sein, dass dies geschieht, wenn wir achtsam das Geschirr waschen, achtsam das Auto reparieren, achtsam spazieren gehen – mit einem Wort, wenn wir ganz da sind, ganz in der Gegenwart sind und mit allen Sinnen wahrnehmen. Oder wenn wir die Sinne in der Meditation nach außen verschließen und den Atem wahrnehmen. Und wenn wir bei alledem nicht zu viel von uns verlangen. Wir kommen der Seele nahe, wenn wir uns und anderen Gutes getan haben, wenn wir kreativ sind, wenn wir jemanden oder etwas lieben. Wir finden etwas von der Seele widergespiegelt in der Welt, wenn wir achtsam schauen, hören, tasten, riechen und schmecken. Wir finden etwas von der Seele in unserem Tun, wenn wir achtsam handeln.</p>



<p>Ist es nicht seltsam, dass alle Menschen auf dieser Erde irgendeine Unnormalität, eine Verrücktheit in sich tragen (es ist etwas ver-rückt, verrutscht, es ist nicht mehr in der Mitte)? Das muss einen Sinn haben. Man sagt ja, jeder hat sein Päckchen zu tragen. Und das stimmt. Jeder hat irgendein Leiden oder sogar viele, sei es im Bereich der familiären oder Partnerbeziehung, sei es im Beruflichen und Finanziellen, sei es in gesundheitlicher Hinsicht. Irgendwo gibt es ein Päckchen oder sogar ein schweres Paket zu tragen, vielleicht sogar in allen diesen Bereichen. Ich glaube fest daran, dass wir mit einer ganz bestimmten Aufgabe in dieses Leben gekommen sind und in diesem Leben gehalten werden. Irgendetwas müssen wir erfüllen, irgendetwas müssen wir lernen und bewältigen.</p>



<p>Die inneren und äußeren Kämpfe, die wir auszustehen haben, scheinen uns das Leben unnötig schwer zu machen, und doch haben sie einen Sinn. Sie weisen auf das hin, was wir in diesem Leben vor allem lernen sollen. Platon lehrte vor etwa 2500 Jahren, dass dieses Leben eine Schule wäre, und dass die Seele sich durch viele Inkarnationen weiterentwickle. Das Leben als Schule klingt nach einer ernsten und anstrengenden Angelegenheit, aber auch in einer Schule gibt es hin und wieder Pausen und Erholung, wo wir einfach nur genießen dürfen. So auch im Leben. Durch die inneren und äußeren Schwierigkeiten, durch die Herausforderungen, die auf uns zukommen, entwickeln wir uns.</p>



<p>Was ist deine Aufgabe im Leben? Warum bist du auf der Welt? Als wir auf die Welt kamen, wurde uns nicht gesagt, was diese Aufgabe sein könnte. Es ist ein Geheimnis. Wir müssen irgendwann selbst daraufkommen.</p>



<p>Eine jüdische Legende erzählt von einem Seelenbegleiter, dem Engel Laila. Dieser Engel bringt den Samentropfen, aus dem einmal ein Mensch werden soll, zu Gott und hält ihn Gott mit der Frage hin: „Was wird das Schicksal dieses Menschen sein?“ Gott bestimmt daraufhin das Schicksal dieses Menschen, ob er stark oder schwach sein wird, arm oder reich, aber nicht, ob er eher gut oder eher böse sein wird, denn der Mensch ist frei, sich für das eine oder andere zu entscheiden. Danach pflanzt der Engel Laila den Samentropfen in einen Mutterleib ein, zündet ein Licht auf dem Kopf des Ungeborenen an, und teilt ihm alles Wissen und alle Weisheit der Welt mit. Er verrät ihm auch den Sinn des Lebens aller Menschen und den individuellen Sinn des Lebens dieses Kindes. Bevor es geboren wird, löscht der Engel das Licht aus. Wenn das Kind das Licht der Welt erblickt hat, legt der Engel den Zeigefinger auf den Mund des Neugeborenen, damit dieser niemals die Geheimnisse verraten kann, die es im Mutterleib gelehrt bekommen hat. Das Kind wird auch vergessen, was der Sinn des Lebens und was seine ganz eigene Bestimmung ist. Die Legende sagt, dass wir eine Kerbe zwischen Nase und Oberlippe haben, weil der Engel Laila uns mit seinem Zeigefinger dort berührt hat. Der Legende nach begleitet Laila den Menschen weiter bis zum Tod und hilft ihm, über die Schwelle zu treten.</p>



<p>Auch wenn diese Geschichte eine Legende ist, die in mythischen Bildern spricht, sagt sie uns, dass in unserer Seele alles Wissen da ist, auch das Wissen darum, was der Sinn des Lebens ist.</p>
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			</item>
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		<title>Magische Momente als Wendepunkte</title>
		<link>https://carola-justo.de/magische-momente-als-wendepunkte/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[carolajusto]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 23 Feb 2025 11:36:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vortrag]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Journalistin und Schriftstellerin Dorothee Röhrig hat ein Buch mit dem Titel „Die fünf magischen Momente des Lebens“ geschrieben. Darin beschreibt sie magische Momente als Erlebnisse, die einen Wendepunkt einleiten: „Ein magischer Moment ist ein Wendepunkt, ein Richtungswechsel. Magisch deshalb, weil dein Leben in wenigen Sekunden eine neue Richtung genommen hat. Unerwartet, vermeintlich ohne Vorwarnung.“ Ausgelöst werden diese Wendepunkte also durch Momente des intensiven Erlebens, hinzu kommt eine Klarheit, eine Erkenntnis, die zum Handeln bewegt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>„Wenn Menschen so weit sind, verändern sie sich. Vorher tun sie das nicht und manchmal sterben sie sogar, bevor sie so weit sind. Man kann sie nicht dazu bringen sich zu verändern, wenn sie es nicht wollen, so wie man sie auch nicht daran hindern kann, wenn sie es wollen.“</em> (<em>Andy Warhol)</em></p>



<p>Die Journalistin und Schriftstellerin Dorothee Röhrig hat ein Buch mit dem Titel „Die fünf magischen Momente des Lebens“ geschrieben. Darin beschreibt sie magische Momente als Erlebnisse, die einen Wendepunkt einleiten:<strong> </strong>„Ein magischer Moment ist ein Wendepunkt, ein Richtungswechsel. Magisch deshalb, weil dein Leben in wenigen Sekunden eine neue Richtung genommen hat. Unerwartet, vermeintlich ohne Vorwarnung.“ Ausgelöst werden diese Wendepunkte also durch Momente des intensiven Erlebens, hinzu kommt eine Klarheit, eine Erkenntnis, die zum Handeln bewegt.</p>



<p>Es kann ein Satz sein, den man hört oder liest, der plötzlich die Weichen stellt. Das sieht so unvorbereitet aus, doch der Schein trügt: da gärte lange etwas im Innern, und es brauchte die ganze Zeit bis zu diesem Satz, diesem Erlebnis, damit wir endlich konsequent handeln. Sie erzählt von einer Frau, die frisch geschnittenes Gras riecht, als sei es das erste Mal im Leben, und sie entscheidet sich, aufs Land zu ziehen. Oder jemand, dem bisher Geld und Besitz sehr wichtig war, hat einen Unfall, und plötzlich wird ihm all das nebensächlich. Oder man geht jahrelang einer ungeliebten Arbeit nach, und plötzlich ist da ein kleines Ereignis, nicht viel frustrierender als der ganze Frust all die Jahre zuvor, und man entscheidet sich: Ich gehe, ich mache etwas ganz anderes.</p>



<p>Ja, der Auslöser ist manchmal ganz klein. Man könnte fast sagen, je kleiner er ist, desto mehr zeigt es an, dass etwas überfällig war. Ja, und der Auslöser ist nicht immer positiv. Der Auslöser kann wie erwähnt ein Unfall sein, eine Krankheit und Lebenskrise oder auch nur ein einziger abwertender Satz eines nahestehenden Menschen sein, der bewirkt, dass man sich fragt: „Warum habe ich eigentlich so lange an dieser Beziehung festgehalten?“ und dass man möglicherweise dann die Kraft hat, sie zu beenden.</p>



<p>Ich sagte vorhin, man könnte fast sagen, je kleiner der Auslöser war, desto mehr zeigt er an, dass etwas überfällig war. Ich betone das Wörtchen „fast“, denn man muss dabei bedenken, dass es Persönlichkeiten gibt, die sehr oft ein einziges kleines negatives Erlebnis, einen einzigen negativen Satz eines anderen zum Anlass nehmen, Kontakte abrupt und für immer abzubrechen oder irgendeinen Ort für alle Zeiten zu meiden. Wenn das ein sich immer wiederholendes Muster ist, und wenn es sich hier nicht um den berühmten Tropfen handelt, der das Fass zum Überlaufen bringt, dann kann man nicht von einem magischen Moment als Wendepunkt sprechen, sondern es liegt eher etwas Pathologisches vor.</p>



<p>Der Psychologe Jörg Willi sagt: „Meine Beobachtung ist die, dass wir viele Lebenswenden schon lange in uns vorbereitet haben, dass ihre Verwirklichung unausweichlich geworden ist. Oftmals werden wir von längst anstehenden Entwicklungen eingeholt, denen wir immer auszuweichen versuchten.“</p>



<p>In magischen Momenten springt sozusagen endlich der Deckel auf, den man auf das eigene Erleben gedrückt hat. Dieser Deckel ist: zu viel Arbeit, zu viel im Kopf sein, zu viel wichtig nehmen, was man tun soll und muss oder was man nicht tun soll, zu viel Angst vor Veränderung.<strong> </strong>Dieser Deckel wird nicht nur über etwas Negatives gelegt, das man vermeiden will, sondern auch über positives Erleben. Z. B. man behindert sich darin, das Leben zu genießen: Man ist in Gedanken immer irgendwo anders, man ist immer voller Sorgen, Pläne oder belastenden Erinnerungen.</p>



<p>Negative Auslöser, positive Auslöser: Wenn sie eine Lebenswende einleiten, können wir sagen: wie auch immer sie waren: sie waren konstruktive Auslöser. Durch diese Wendepunkte reifen wir. Manchmal geht die Reifung jedoch so unscheinbar vor sich, wie ein ruhig dahinfließender Fluss, dass wir plötzlich verwundert feststellen: oh, das hat sich ja in mir geändert. D.h. die Erkenntnis über eine Veränderung, einen Reifungsschritt ist plötzlich und überraschend, aber die Veränderung an sich geschah kontinuierlich ohne einen erkennbaren Wendepunkt. Und dann weiß man auch gar nicht, was einen verändert hat, und es ist auch nicht wichtig zu wissen, was genau es war.</p>



<p>Ein Wendepunkt, ausgelöst durch ein Erlebnis, kann auch überwiegend geistiger Art sein, ohne dass er im Handeln sonderlich sichtbar wird. Nehmen wir an, jemand erkennt durch einen Schicksalsschlag, was wirklich wichtig ist im Leben, und dass viel Besitz und viel Geld nichts zu seinem Glück beigetragen haben. Wenn dieser Mensch nun nicht beginnt, allen materiellen Ballast aus dem Haus zu werfen, sondern einfach innerlich losgelöst von all diesem Besitz weiterhin mit den Besitztümern lebt wie bisher, dann merkt ein Außenstehender gar nicht diese innere Wende.</p>



<p>Menschen mit tiefen spirituellen Erfahrungen, die spirituelle Krisen und Wendepunkte erlebten, merkt man manchmal etwas in ihrer Ausstrahlung an, d.h. sensible Menschen merken es, andere merken vielleicht überhaupt nichts. Wie oft geschieht es, dass man ein festgefügtes Bild von jemandem hat, so dass man gar nicht die Veränderung der Persönlichkeit des anderen bemerkt. Besonders innerhalb der Familie geschieht es, wohl auch deshalb, weil man sich ja sehr oft oder sogar täglich sieht.</p>



<p>Wendepunkte kommen wie gesagt nicht immer plötzlich und überraschend. Als ich Studentin war, hatte ich eine Vermieterin, die hin und wieder äußerte: „Ich werde mich heute hinsetzen und mein Leben neu überdenken.“ Das fand ich drollig. Heute finde ich es empfehlenswert, sich immer wieder hinzusetzen und das Leben neu zu überdenken. Die Wendepunkte, die einen ansonsten überraschen würden, nimmt man damit sozusagen vorweg. Gründe für dieses Überdenken des Lebens können sein, dass man dauerunzufrieden ist mit dem eigenen Leben, dass der Alltag nur noch stressig und nervenaufreibend ist oder dass man nicht weiß, was man eigentlich will. Es kann sein, dass wir bei diesem Überdenken, bei diesem gezielten Suchen nach einem Wendepunkt keine Antwort finden, jedoch damit den Boden dafür bereiten, dass er später einmal überraschend auftaucht. Alles hat seine Zeit.</p>



<p>Es ist, wie der Künstler Andy Warhol sagte: „Wenn Menschen so weit sind, verändern sie sich. Vorher tun sie das nicht und manchmal sterben sie sogar, bevor sie so weit sind. Man kann sie nicht dazu bringen sich zu verändern, wenn sie es nicht wollen, so wie man sie auch nicht daran hindern kann, wenn sie es wollen.“ Denn alles hat seine Zeit.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Magische Augenblicke</title>
		<link>https://carola-justo.de/magische-augenblicke/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[carolajusto]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 23 Feb 2025 11:35:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vortrag]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://carola-justo.de/?p=2772</guid>

					<description><![CDATA[Wir alle erleben manchmal magische Momente, d.h. Augenblicke, in denen wir irgendwie verzaubert sind, in denen die Welt um uns herum plötzlich so anders erscheint. Das rationale Denken steht dann nicht im Vordergrund, sondern das Gefühl, die Stimmung färbt alles. Sollte sich das rationale Denken jedoch gleich wieder in den Vordergrund schieben, kann es leicht passieren, dass das Gefühl der Verzauberung schnell wieder verschwindet.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong><em>„Magie ist schüchtern. Manchmal, wenn es still ist, wagt sie es, sich zu zeigen.“</em></strong><strong> <em>(Verfasser unbekannt)</em></strong><strong></strong></p>



<p>Wir alle erleben manchmal magische Momente, d.h. Augenblicke, in denen wir irgendwie verzaubert sind, in denen die Welt um uns herum plötzlich so anders erscheint. Das rationale Denken steht dann nicht im Vordergrund, sondern das Gefühl, die Stimmung färbt alles. Sollte sich das rationale Denken jedoch gleich wieder in den Vordergrund schieben, kann es leicht passieren, dass das Gefühl der Verzauberung schnell wieder verschwindet.</p>



<p>Es kann sein, dass wir beim Anblick einer Landschaft, eines Kunstwerks, eines Menschen, besonders bei Verliebtheit, in diese Verzauberung hineinkommen, aber wir können solche Momente nicht einplanen. Sie kommen immer überraschend. Manchmal können positive Überraschungen das Erleben solcher Momente auslösen. Z. B. sitzt man in einem Straßencafé, die Sonne scheint, und plötzlich hebt ganz überraschend die Musik eines Straßenmusikers an, und die Welt ist wie verwandelt und verzaubert. </p>



<p>Wie gesagt, sind dies nicht-rationale Erfahrungen. In unserer kopfgesteuerten und kopflastigen Zeit gibt es eine Sehnsucht nach dem Nicht-Rationalen, und tatsächlich brauchen wir solche Momente, die man nicht einplanen kann. Würden wir uns an einem anderen Tag in dasselbe Straßencafé bei Sonnenschein setzen, würde derselbe Straßenmusiker wieder spielen, die Verzauberung wäre keineswegs garantiert; vor allem, wenn wir uns dort hinsetzen würden, um das gleiche noch einmal zu erleben, dann würde sich mit Sicherheit ein solches Erleben nicht einstellen, allein deshalb, weil wir das Erleben erwartet haben. </p>



<p>Wir können diese Augenblicke also nicht selbst zustande bringen, aber man kann hin und wieder die Grundlage dafür schaffen, z. B., indem man eine Reise macht, eine kulturelle Veranstaltung besucht, in der Natur spazieren geht. Ein gemeinsames Essen oder eine Feier können ebenfalls etwas Magisch-Sinnstiftendes bewirken. Und doch sind die magischen Momente auch hier nicht garantiert. </p>



<p>Das, was wir gemeinsam mit anderen tun, ob es Musizieren ist, gemeinsames Meditieren, Wandern, Spielen, all das hebt uns über unser Ich hinaus, es hebt uns über unsere Vereinzelung hinaus, ein gemeinsames Essen hat etwas Magisch-Gemeinschaftsstiftendes.</p>



<p>Auch Rituale können magisch wirken. Eine überbetont rationale Welt lehnt jedoch das Rituelle und Kultische ab. Das Sich-Verneigen z. B. ist in meinen Meditationskursen ein immer wiederkehrendes Ritual. Ein oft wiederholtes Ritual kann in <u>einem</u> von hundert Malen plötzlich tiefer erlebt werden. Die Meditation bedient sich auch der ständigen Wiederholung: immer wieder der Atem oder immer wieder das Meditationswort. Oft fühlt sich eine Meditationssitzung nicht erhebend an, und dann gibt es doch Momente, wo man etwas anderes spürt. Es kommt überraschend. Auch hier gilt: Wenn wir in der Meditationssitzung etwas erwarten, kommt es mit Sicherheit nicht. Auch unser Alltag ist durchwoben von Ritualen: Begrüßung, Verabschiedung, Dank, Glückwünsche, Geschenke zum Geburtstag usw. Auch die Alltagsrituale fördern ein Zugehörigkeitsgefühl. Das Zugehörigkeitsgefühl kann sich magisch anfühlen, wir fühlen uns geborgen und aufgehoben.</p>



<p>Man kann also äußere Grundlagen schaffen, dass magische Momente leichter entstehen können, aber, wie ich eingangs zitierte, ist Magie schüchtern, sie zeigt sich nicht so ohne weiteres. Die innere Grundlage dafür ist vor allem eine gewisse Leere, das bedeutet, dass wir nicht randvoll gefüllt sind mit Aktivitäten und Gedanken. Deshalb heißt es im zweiten Satz des Zitats: „Manchmal, wenn es still ist, wagt sie es, sich zu zeigen.“ Wenn es still ist im Innern, wenn das Herz nicht voller Sorgen und der Kopf nicht voller Pläne ist. Wenn wir Zeit haben und vielleicht ein paar Minuten nur dasitzen. Wenn wir einmal etwas anderes tun als das, was wir immer tun.</p>



<p>Der magischste Moment, der jedem Menschen vertraut ist, ist die Verliebtheit. Da ist die ganze Welt verzaubert, und das vielleicht wochenlang, monatelang. Was ist da passiert? Wir sind völlig von uns weggegangen und mit den Gedanken und dem Herzen nur noch beim anderen. Freilich hört das auch irgendwann auf, doch die Verliebtheit kann immer wieder aufflackern. </p>



<p>Verliebtheit ist sicher das Magischste, das heutige Menschen erleben. In anderen Zeiten und anderen Kulturen gab und gibt es jedoch spirituelle, mystische Erfahrungen, die der Verliebtheit ähneln, auch was die Dauer und Intensität betrifft. Die höchsten mystischen Erfahrungen gehen in ihrer Intensität sogar weit über das Erlebnis von Verliebtheit hinaus. In unserer Zeit und unserer Kultur kennen fast nur noch Menschen, die in kontemplativen Klöstern ein intensives spirituelles Leben führen, magische Momente dieser Art.  Doch auch Menschen, die nicht im Kloster leben, vielleicht auch nicht meditieren oder beten, möglicherweise ganz „weltlich“ sind, können von feineren mystischen Erfahrungen überrascht werden.  </p>



<p>Weitere zarte magische Momente kann man z. B. in freundschaftlichen Beziehungen erleben und selbst bei sehr kurzen zwischenmenschlichen Begegnungen mit jemandem, den man vorher gar nicht kannte. Wenn es denn wirklich eine Begegnung war, kann hinterher noch etwas nachklingen, wir fühlen uns irgendwie anders, in Harmonie mit uns selbst und dem Rest der Welt. Bei einem vereinsamten Menschen können sogar schon das unerwartete Lächeln einer Kassiererin oder ein paar freundliche Worte, die der Nachbar über den Zaun ruft, wie Magie wirken. Magische Momente kann es in der Arbeit geben, beim Ausüben eines Hobbys, und zwar immer dann, wenn man aufgeht im Handlungsfluss, wenn man Zeit und Raum vergisst und erst, wenn man wieder auftaucht aus der Selbstvergessenheit, merkt man, wie schön dieser Zustand doch war.</p>



<p>In ihrem Buch „Aus Liebe zum Leben“ erzählt die amerikanische Ärztin Rachel Naomi Remen von einer Nachbarin, die ein sehr bodenständiger und praktischer Mensch war. Diese Nachbarin war gerade beim Hausputz gewesen, „als sie plötzlich ihr ganzes Leben schnell vor sich ablaufen sah und einer Tatsache gewahr wurde, die sie zuvor nie wahrgenommen hatte: dass nämlich eine Kohärenz (Zusammenhang) darin vorhanden war, eine Ausrichtung, die durch ihr Leben verlief wie ein roter Faden. Die Entscheidungen und Ereignisse der Vergangenheit, die zu ihrer Zeit ziemlich zufällig gewesen zu sein schienen, fügten sich nahtlos auf eine völlig neue und sinnvolle Weise zusammen. Ihr war, als sei sie, ohne es zu wissen, schon seit vielen Jahren einem unsichtbaren Faden gefolgt… Während sie da in ihrer Küche stand, mit dem Mopp in der Hand… überkam sie plötzlich die tiefe Gewissheit, dass das, was auf sie persönlich zutraf, auch auf das Leben im Allgemeinen zutrifft. Alles entfaltete sich nach einem Plan&#8230; und sie begann vor Freude zu weinen… Es ist möglich, dass wir in unserer Küche stehen und den Atem Gottes spüren.“<strong></strong></p>



<p>Ja, der Ort für magische Momente kann auch die Küche sein, das Büro, sogar der Hauptbahnhof, wie Josef Beuys sagte: „Das Mysterium findet auf dem Hauptbahnhof statt.“ Mit anderen Worten: magische Augenblicke kannst Du überall erleben.</p>



<p><strong>Magische Momente als Wendepunkte</strong></p>



<p><em>&nbsp;„Wenn Menschen so weit sind, verändern sie sich. Vorher tun sie das nicht und manchmal sterben sie sogar, bevor sie so weit sind. Man kann sie nicht dazu bringen sich zu verändern, wenn sie es nicht wollen, so wie man sie auch nicht daran hindern kann, wenn sie es wollen.“</em> (<em>Andy Warhol)</em></p>



<p>Die Journalistin und Schriftstellerin Dorothee Röhrig hat ein Buch mit dem Titel „Die fünf magischen Momente des Lebens“ geschrieben. Darin beschreibt sie magische Momente als Erlebnisse, die einen Wendepunkt einleiten:<strong> </strong>„Ein magischer Moment ist ein Wendepunkt, ein Richtungswechsel. Magisch deshalb, weil dein Leben in wenigen Sekunden eine neue Richtung genommen hat. Unerwartet, vermeintlich ohne Vorwarnung.“ Ausgelöst werden diese Wendepunkte also durch Momente des intensiven Erlebens, hinzu kommt eine Klarheit, eine Erkenntnis, die zum Handeln bewegt.</p>



<p>Es kann ein Satz sein, den man hört oder liest, der plötzlich die Weichen stellt. Das sieht so unvorbereitet aus, doch der Schein trügt: da gärte lange etwas im Innern, und es brauchte die ganze Zeit bis zu diesem Satz, diesem Erlebnis, damit wir endlich konsequent handeln. Sie erzählt von einer Frau, die frisch geschnittenes Gras riecht, als sei es das erste Mal im Leben, und sie entscheidet sich, aufs Land zu ziehen. Oder jemand, dem bisher Geld und Besitz sehr wichtig war, hat einen Unfall, und plötzlich wird ihm all das nebensächlich. Oder man geht jahrelang einer ungeliebten Arbeit nach, und plötzlich ist da ein kleines Ereignis, nicht viel frustrierender als der ganze Frust all die Jahre zuvor, und man entscheidet sich: Ich gehe, ich mache etwas ganz anderes.</p>



<p>Ja, der Auslöser ist manchmal ganz klein. Man könnte fast sagen, je kleiner er ist, desto mehr zeigt es an, dass etwas überfällig war. Ja, und der Auslöser ist nicht immer positiv. Der Auslöser kann wie erwähnt ein Unfall sein, eine Krankheit und Lebenskrise oder auch nur ein einziger abwertender Satz eines nahestehenden Menschen sein, der bewirkt, dass man sich fragt: „Warum habe ich eigentlich so lange an dieser Beziehung festgehalten?“ und dass man möglicherweise dann die Kraft hat, sie zu beenden.</p>



<p>Ich sagte vorhin, man könnte fast sagen, je kleiner der Auslöser war, desto mehr zeigt er an, dass etwas überfällig war. Ich betone das Wörtchen „fast“, denn man muss dabei bedenken, dass es Persönlichkeiten gibt, die sehr oft ein einziges kleines negatives Erlebnis, einen einzigen negativen Satz eines anderen zum Anlass nehmen, Kontakte abrupt und für immer abzubrechen oder irgendeinen Ort für alle Zeiten zu meiden. Wenn das ein sich immer wiederholendes Muster ist, und wenn es sich hier nicht um den berühmten Tropfen handelt, der das Fass zum Überlaufen bringt, dann kann man nicht von einem magischen Moment als Wendepunkt sprechen, sondern es liegt eher etwas Pathologisches vor.</p>



<p>Der Psychologe Jörg Willi sagt: „Meine Beobachtung ist die, dass wir viele Lebenswenden schon lange in uns vorbereitet haben, dass ihre Verwirklichung unausweichlich geworden ist. Oftmals werden wir von längst anstehenden Entwicklungen eingeholt, denen wir immer auszuweichen versuchten.“</p>



<p>In magischen Momenten springt sozusagen endlich der Deckel auf, den man auf das eigene Erleben gedrückt hat. Dieser Deckel ist: zu viel Arbeit, zu viel im Kopf sein, zu viel wichtig nehmen, was man tun soll und muss oder was man nicht tun soll, zu viel Angst vor Veränderung.<strong> </strong>Dieser Deckel wird nicht nur über etwas Negatives gelegt, das man vermeiden will, sondern auch über positives Erleben. Z. B. man behindert sich darin, das Leben zu genießen: Man ist in Gedanken immer irgendwo anders, man ist immer voller Sorgen, Pläne oder belastenden Erinnerungen.</p>



<p>Negative Auslöser, positive Auslöser: Wenn sie eine Lebenswende einleiten, können wir sagen: wie auch immer sie waren: sie waren konstruktive Auslöser. Durch diese Wendepunkte reifen wir. Manchmal geht die Reifung jedoch so unscheinbar vor sich, wie ein ruhig dahinfließender Fluss, dass wir plötzlich verwundert feststellen: oh, das hat sich ja in mir geändert. D.h. die Erkenntnis über eine Veränderung, einen Reifungsschritt ist plötzlich und überraschend, aber die Veränderung an sich geschah kontinuierlich ohne einen erkennbaren Wendepunkt. Und dann weiß man auch gar nicht, was einen verändert hat, und es ist auch nicht wichtig zu wissen, was genau es war.</p>



<p>Ein Wendepunkt, ausgelöst durch ein Erlebnis, kann auch überwiegend geistiger Art sein, ohne dass er im Handeln sonderlich sichtbar wird. Nehmen wir an, jemand erkennt durch einen Schicksalsschlag, was wirklich wichtig ist im Leben, und dass viel Besitz und viel Geld nichts zu seinem Glück beigetragen haben. Wenn dieser Mensch nun nicht beginnt, allen materiellen Ballast aus dem Haus zu werfen, sondern einfach innerlich losgelöst von all diesem Besitz weiterhin mit den Besitztümern lebt wie bisher, dann merkt ein Außenstehender gar nicht diese innere Wende.</p>



<p>Menschen mit tiefen spirituellen Erfahrungen, die spirituelle Krisen und Wendepunkte erlebten, merkt man manchmal etwas in ihrer Ausstrahlung an, d.h. sensible Menschen merken es, andere merken vielleicht überhaupt nichts. Wie oft geschieht es, dass man ein festgefügtes Bild von jemandem hat, so dass man gar nicht die Veränderung der Persönlichkeit des anderen bemerkt. Besonders innerhalb der Familie geschieht es, wohl auch deshalb, weil man sich ja sehr oft oder sogar täglich sieht.</p>



<p>Wendepunkte kommen wie gesagt nicht immer plötzlich und überraschend. Als ich Studentin war, hatte ich eine Vermieterin, die hin und wieder äußerte: „Ich werde mich heute hinsetzen und mein Leben neu überdenken.“ Das fand ich drollig. Heute finde ich es empfehlenswert, sich immer wieder hinzusetzen und das Leben neu zu überdenken. Die Wendepunkte, die einen ansonsten überraschen würden, nimmt man damit sozusagen vorweg. Gründe für dieses Überdenken des Lebens können sein, dass man dauerunzufrieden ist mit dem eigenen Leben, dass der Alltag nur noch stressig und nervenaufreibend ist oder dass man nicht weiß, was man eigentlich will. Es kann sein, dass wir bei diesem Überdenken, bei diesem gezielten Suchen nach einem Wendepunkt keine Antwort finden, jedoch damit den Boden dafür bereiten, dass er später einmal überraschend auftaucht. Alles hat seine Zeit.</p>



<p>Es ist, wie der Künstler Andy Warhol sagte: „Wenn Menschen so weit sind, verändern sie sich. Vorher tun sie das nicht und manchmal sterben sie sogar, bevor sie so weit sind. Man kann sie nicht dazu bringen sich zu verändern, wenn sie es nicht wollen, so wie man sie auch nicht daran hindern kann, wenn sie es wollen.“ Denn alles hat seine Zeit.</p>



<p><strong>In Berührung mit der Seele kommen</strong></p>



<p><em>„Wir verlangen geradezu exzessiv nach Unterhaltung, Macht… und materiellen Dingen, und wir glauben, dass wir das alles finden, wenn wir die richtige Beziehung oder den richtigen Job, die richtige Kirche oder Therapie entdecken. Doch ohne Seele wird, was immer wir finden, unbefriedigend sein. Denn wonach wir uns wirklich sehnen, das ist die Seele in allen diesen Bereichen. Solange dieses Beseeltsein fehlt, versuchen wir, diese verlockende Befriedigung in großen Mengen zu erlangen, und glauben dabei offensichtlich, dass die Menge den Mangel an Qualität ersetzt.“ (Thomas Moore)</em></p>



<p>Heute hört man kaum noch das Wort „Seele“. Man verwendet es allenfalls, wenn von seelischen Störungen gesprochen wird. Meist ersetzt man dann die Bezeichnungen „Seele“ oder „seelisch“ mit „Psyche“ oder „psychisch“, das bedeutet zwar auch Seele, aber es klingt weltlicher, wissenschaftlicher. Diese Gewohnheit rührt wohl daher, dass die Seele vielfach als etwas Ewiges verleugnet wird, dass man nicht mehr an ihre Existenz glaubt bzw. dass man davon ausgeht, die Seele wäre nur ein Produkt des Gehirns, wie uns der weit verbreitete Materialismus einreden will, sie wäre also ein Produkt der Materie und nicht umgekehrt. Spirituelle Traditionen sagen uns jedoch, dass der Geist zuerst da war und das Materielle aus ihm heraus entstanden ist.</p>



<p>Die Seele hat keinen Ort, sie ist geheimnisvoll, weil sie sich verborgen hält. Sie macht sich bemerkbar, wenn sie schmerzt, und sie schmerzt, weil sie vernachlässigt oder schlecht behandelt wurde oder weil uns etwas Schweres aufgebürdet wurde. Außerdem macht sie sich durch Träume und Intuitionen bemerkbar, aber viele Menschen nehmen diese Phänomene nicht ernst.</p>



<p>Der amerikanische Psychotherapeut Thomas Moore spricht ganz bewusst immer wieder von der Seele. In seinem Buch „Seel-Sorge“ (Originaltitel „Soul Care“) geht es um die Pflege der Seele, bei der Spiritualität unbedingt miteinbezogen werden muss. Obwohl Thomas Moore selbst Psychotherapeut ist, kritisiert er die meisten Formen von Psychotherapie, die sich um Anpassung an bestimmte Maßstäbe, an gesellschaftliche Normen und um das Ego kümmern, aber die Seele vernachlässigen, indem sie Spiritualität ausklammern. Nach herkömmlichen Therapien soll der Mensch normal werden, es geht um das Reparieren und Ändern in Richtung Symptomfreiheit. Da kann es geschehen, dass man auf der Stelle tritt, oder dass nach einer Linderung der Symptome nach Jahren neue, andere Symptome auftauchen. Denn es ist eine Illusion, dass der Mensch symptomfrei, frei von Leid und normal sein könnte. Was heißt eigentlich „normal sein“? Wer definiert es? Kein Mensch ist normal.</p>



<p>Wie könnte es auch anders sein? Wir stammen alle aus Familien, die nicht normal waren. Heutzutage spricht man von dysfunktionalen Familien, so als ob sie die Ausnahme wären. Doch sie sind die Regel, sagt Thomas Moore, und das entspricht auch meiner Erfahrung, obwohl es hier natürlich graduelle Unterschiede gibt. Was ist eine dysfunktionale Familie? Mindestens ein Mitglied zeigt ein gestörtes, schädigendes Verhalten.&nbsp; Vielleicht spielt Sucht eine Rolle oder Gewalt, auch psychische Gewalt. Die Beziehungen untereinander sind gestört. Vielleicht sieht die Familie nach außen gesund aus, erscheint sogar wie aus dem Bilderbuch herausgenommen, aber dahinter verbergen sich vielleicht gravierende Probleme. Und wie könnte es anders sein, da die Gesellschaft krank ist, da die Welt krank ist? Die Familie ist eingebettet in die Gesellschaft, und wir sind eingebettet in die Familie. Die Familie ist das Spiegelbild der Welt, und in uns selbst spiegelt sich unsere Familie und somit die Welt. Nicht nur Familiensysteme sind allzu oft dysfunktional, auch berufliche Teams sind es. Wenn man ein Kollegium hat, das miteinander einigermaßen harmoniert, dann ist das ein großer Glücksfall. Die Krankheit der Welt spiegelt sich überall wider und bis in die politische Ebene hinein, da sogar am stärksten. In dieser Welt leben wir, und sie macht es uns schwer, mit unserer Seele in Berührung zu kommen.</p>



<p>In früheren Jahrzehnten wurde die Familie oft als Hort der Geborgenheit romantisiert, und heute spricht man häufig abfällig über sie. Man hält sie für schwierig, und das ist sie auch. Wenn man nicht weiß, dass Familiensysteme genauso wie andere soziale Gruppen mehr oder wenig gestört sind, führt das entweder zur Idealisierung der eigenen Familie, nämlich, indem wenn man diese Schwierigkeiten verleugnet, oder sie führt zur Ablehnung, wenn man glaubt, man wäre ausnahmsweise in eine dysfunktionale Familie hineingeboren worden. Eine realistische Sicht der eigenen Familie kann dazu führen, dass man im Frieden mit dem eigenen Schicksal ist.</p>



<p>Ich sagte, dass die Familie ein Spiegelbild der Welt ist. Die Welt ist gut und böse. Noch nie gab es eine heile Welt, und sie wird trotz aller Bestrebungen nie heil sein können. Die Gesellschaft war immer krank. Im Moment scheint sie mir kranker denn je zu sein, und das Krankhafte wird sich sicherlich noch ausweiten. Doch gehen wir zurück zum einzelnen Menschen.</p>



<p>In den Köpfen vieler Menschen gibt es Vorstellungen davon, wie man selbst sein sollte. Der normale Mensch – den es ja nicht gibt – sollte z. B. unabhängig und selbstsicher sein. Thomas Moore erzählt von einer Patientin, die in seine Praxis kam, weil sie sich nicht unabhängig genug fand. Er fragte sie, was das Problem wäre, abhängig zu sein. Psychotherapeuten klagen manchmal darüber, dass Menschen mit Luxusproblemen zu ihnen kommen und andere, die wirklich heftige seelische Krankheiten haben, umso länger auf einen Therapieplatz warten müssen. Das geht so ungefähr in die Richtung: Ich bin soundso, aber das ist verkehrt, ich will anders werden: selbstsicherer, souveräner, nicht mehr so impulsiv usw. Menschen mit diesen Anliegen übertragen dem Therapeuten die Aufgabe, etwas zu eliminieren, so wie der Zahnarzt einen kaputten Zahn zieht.</p>



<p>Thomas Moore sagte der Patientin, die sich zu abhängig empfand: „Wollen Sie nicht Leuten zugetan sein, von ihnen lernen, ihnen nahe sein… Teil einer Gemeinschaft sein, eine intime Beziehung eingehen?“ Ja, das wollte sie, sie wusste nicht, dass dies Abhängigkeit bedeutet. Und Thomas Moore wies sie darauf hin, dass diese Abhängigkeit natürlich auch ihre Schattenseiten habe, nämlich: Bedürftigkeit, Unterlegenheit, Kontrollverlust. Und das ist der springende Punkt: Man bekommt das Positive nicht ohne das Negative. Ein Perfektionist oder eine Perfektionistin glaubt, dass es möglich wäre, ausschließlich das Positive bekommen oder erreichen zu können.</p>



<p>Dadurch, dass wir Unnormales an uns haben, unterscheiden wir uns von anderen, wir sind nicht farblos, wir haben Persönlichkeit. Wie viele geniale und hochkreative Menschen waren völlig unangepasst, waren aufgrund einer schweren Kindheit seelisch gestört? Sie haben gerade deshalb Großartiges in die Welt gebracht.</p>



<p>Ich halte eine solche Erkenntnis für lebenswichtig. Denn sie verhindert, dass wir zu viel von uns selbst verlangen, und in der Folge auch zu viel von unserer Herkunftsfamilie, vom Partner oder der Partnerin, weil wir sie normal haben wollen. In dem Wissen, dass niemand normal ist, ist es leichter, sich und andere so anzunehmen, wie wir oder sie sind, wir müssen uns nicht umfunktionieren und noch weniger irgendjemand anderen. Wir geben den Kampfmodus auf. So ersparen wir uns viel Leid. Wir kommen weg vom Ego, wir nähern uns dem, was wir in der Tiefe sind.</p>



<p>Thomas Moore schreibt: „Wir verlangen geradezu exzessiv nach Unterhaltung, Macht… und materiellen Dingen, und wir glauben, dass wir das alles finden, wenn wir die richtige Beziehung oder den richtigen Job, die richtige Kirche oder Therapie entdecken. Doch ohne Seele wird, was immer wir finden, unbefriedigend sein. Denn wonach wir uns wirklich sehnen, das ist die Seele in allen diesen Bereichen. Solange dieses Beseeltsein fehlt, versuchen wir, diese verlockende Befriedigung in großen Mengen zu erlangen, und glauben dabei offensichtlich, dass die Menge den Mangel an Qualität ersetzt.“</p>



<p>Auch wenn es gilt, uns und unser Schicksal anzunehmen, bedeutet das nicht, dass wir alles schleifenlassen, sondern dass wir uns trotzdem ein wenig bemühen, der Seele nahe zu kommen, indem wir achtsam leben. Auf diese Weise sorgen wir für die Seele, die jenseits aller Verrücktheit ist. Immer dann, wenn wir das Gefühl haben: „Jetzt bin ich in meiner Mitte, jetzt fühle ich mich in Harmonie, jetzt bin ich selbst“, dann sind wir der Seele nahegekommen. Es kann sein, dass dies geschieht, wenn wir achtsam das Geschirr waschen, achtsam das Auto reparieren, achtsam spazieren gehen – mit einem Wort, wenn wir ganz da sind, ganz in der Gegenwart sind und mit allen Sinnen wahrnehmen. Oder wenn wir die Sinne in der Meditation nach außen verschließen und den Atem wahrnehmen. Und wenn wir bei alledem nicht zu viel von uns verlangen. Wir kommen der Seele nahe, wenn wir uns und anderen Gutes getan haben, wenn wir kreativ sind, wenn wir jemanden oder etwas lieben. Wir finden etwas von der Seele widergespiegelt in der Welt, wenn wir achtsam schauen, hören, tasten, riechen und schmecken. Wir finden etwas von der Seele in unserem Tun, wenn wir achtsam handeln.</p>



<p>Ist es nicht seltsam, dass alle Menschen auf dieser Erde irgendeine Unnormalität, eine Verrücktheit in sich tragen (es ist etwas ver-rückt, verrutscht, es ist nicht mehr in der Mitte)? Das muss einen Sinn haben. Man sagt ja, jeder hat sein Päckchen zu tragen. Und das stimmt. Jeder hat irgendein Leiden oder sogar viele, sei es im Bereich der familiären oder Partnerbeziehung, sei es im Beruflichen und Finanziellen, sei es in gesundheitlicher Hinsicht. Irgendwo gibt es ein Päckchen oder sogar ein schweres Paket zu tragen, vielleicht sogar in allen diesen Bereichen. Ich glaube fest daran, dass wir mit einer ganz bestimmten Aufgabe in dieses Leben gekommen sind und in diesem Leben gehalten werden. Irgendetwas müssen wir erfüllen, irgendetwas müssen wir lernen und bewältigen.</p>



<p>Die inneren und äußeren Kämpfe, die wir auszustehen haben, scheinen uns das Leben unnötig schwer zu machen, und doch haben sie einen Sinn. Sie weisen auf das hin, was wir in diesem Leben vor allem lernen sollen. Platon lehrte vor etwa 2500 Jahren, dass dieses Leben eine Schule wäre, und dass die Seele sich durch viele Inkarnationen weiterentwickle. Das Leben als Schule klingt nach einer ernsten und anstrengenden Angelegenheit, aber auch in einer Schule gibt es hin und wieder Pausen und Erholung, wo wir einfach nur genießen dürfen. So auch im Leben. Durch die inneren und äußeren Schwierigkeiten, durch die Herausforderungen, die auf uns zukommen, entwickeln wir uns.</p>



<p>Was ist deine Aufgabe im Leben? Warum bist du auf der Welt? Als wir auf die Welt kamen, wurde uns nicht gesagt, was diese Aufgabe sein könnte. Es ist ein Geheimnis. Wir müssen irgendwann selbst daraufkommen.</p>



<p>Eine jüdische Legende erzählt von einem Seelenbegleiter, dem Engel Laila. Dieser Engel bringt den Samentropfen, aus dem einmal ein Mensch werden soll, zu Gott und hält ihn Gott mit der Frage hin: „Was wird das Schicksal dieses Menschen sein?“ Gott bestimmt daraufhin das Schicksal dieses Menschen, ob er stark oder schwach sein wird, arm oder reich, aber nicht, ob er eher gut oder eher böse sein wird, denn der Mensch ist frei, sich für das eine oder andere zu entscheiden. Danach pflanzt der Engel Laila den Samentropfen in einen Mutterleib ein, zündet ein Licht auf dem Kopf des Ungeborenen an, und teilt ihm alles Wissen und alle Weisheit der Welt mit. Er verrät ihm auch den Sinn des Lebens aller Menschen und den individuellen Sinn des Lebens dieses Kindes. Bevor es geboren wird, löscht der Engel das Licht aus. Wenn das Kind das Licht der Welt erblickt hat, legt der Engel den Zeigefinger auf den Mund des Neugeborenen, damit dieser niemals die Geheimnisse verraten kann, die es im Mutterleib gelehrt bekommen hat. Das Kind wird auch vergessen, was der Sinn des Lebens und was seine ganz eigene Bestimmung ist. Die Legende sagt, dass wir eine Kerbe zwischen Nase und Oberlippe haben, weil der Engel Laila uns mit seinem Zeigefinger dort berührt hat. Der Legende nach begleitet Laila den Menschen weiter bis zum Tod und hilft ihm, über die Schwelle zu treten.</p>



<p>Auch wenn diese Geschichte eine Legende ist, die in mythischen Bildern spricht, sagt sie uns, dass in unserer Seele alles Wissen da ist, auch das Wissen darum, was der Sinn des Lebens ist.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Segnen</title>
		<link>https://carola-justo.de/segnen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[carolajusto]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 20 Feb 2024 17:39:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
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					<description><![CDATA[Viele Menschen glauben, dass nur Geistliche segnen können oder dürfen. Dem ist aber nicht so, und es war noch nie so. Früher war es in unserem Kulturkreis üblich, dass Eltern ihre Kinder segneten, bevor sie das Haus verließen oder schlafen gingen. In vielen Kulturen segnen alte Menschen junge Menschen. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Im Buch „Geborgen im Leben“, das Elisabeth Kübler-Ross zusammen mit David Kessler schrieb, erzählt David Kessler von einem Aufenthalt in Ägypten, bei dem er mit einem Freund einen alten Tempel besuchen wollte, welcher der Heilung gewidmet war. Unter den Touristen, die den Tempel besuchten, gab es einige, die tatsächlich Heilung suchten, andere wollten den Tempel einfach nur besichtigen. David Kessler erfuhr, dass sich sein Freund eine Stunde verspäten würde, und er ärgerte sich, so lange auf ihn warten zu müssen, zumal es sehr heiß war. Dann kam ihm eine Idee. Er dachte: Ich bete für all diese Menschen, die an mir vorübergehen. Und die Stunde verging ganz schnell.</p>



<p>Für andere beten oder andere segnen sind ganz ähnliche heilungsfördernde Handlungen. Wir könnten das, was David Kessler in Ägypten tat, auf viele Situationen, mit denen der Alltag uns konfrontiert, übertragen: an der Bushaltestelle warten, im Warteraum eines Arztes sitzen, in der Warteschlang vor der Supermarktkasse stehen usw.</p>



<p>Viele Menschen glauben, dass nur Geistliche segnen können oder dürfen. Dem ist aber nicht so, und es war noch nie so. Früher war es in unserem Kulturkreis üblich, dass Eltern ihre Kinder segneten, bevor sie das Haus verließen oder schlafen gingen. In vielen Kulturen segnen alte Menschen junge Menschen. Junge Menschen erbitten den Segen der Eltern, Großeltern oder anderer älterer Verwandter. In früheren Zeiten wurde das Essen gesegnet: Die Mutter zeichnete z. B. mit dem Messer ein Kreuzzeichen auf das Brot, bevor sie es anschnitt. Das Segnen gibt es in allen Religionen, wobei sogar die Segensgebärden zum Teil identisch sind, wie z. B. das Handauflegen.</p>



<p>Früher und auch heute wurde und wird der Segen überwiegend von einer religiösen Autorität erteilt, obwohl doch jeder und jede von uns schon immer segnen kann.</p>



<p>Was bedeutet eigentlich segnen? Segnen bedeutet, dem anderen Gutes, Heilung und Glück wünschen. Wenn uns jemand zuruft: „Alles Gute!“ oder „Gute Besserung“, und selbst wenn es von Herzen kommt und es nicht nur aus Höflichkeit so daher gesagt wird, kämen wir doch nicht auf die Idee, dies einen Segen zu nennen, ganz zu Recht, denn Segen ist mehr als nur Gutes wünschen. Laut Wörterbuch bedeutet Segnen: „Personen, Tieren oder Dingen Anteil an göttlicher Kraft geben.“ Es heißt da: „Ziel des Segnens ist die Förderung von Glück und Gedeihen und die Zusicherung von Schutz und Bewahrung. Oft ist der Segen mit einer Gebärde verbunden.“</p>



<p>Im Segnen möchten wir einen heilsamen Strom weitergeben, einen Strom, der nicht unserem kleinen Ich entspringt. Wenn wir glauben würden, dass ein heilsamer Strom aus unserem kleinen Ich auf andere Menschen überspringen könnte, wäre das wohl ein Anzeichen von Selbstüberhöhung. Wenn wir aber glauben, dass der heilsame Strom von woanders herkommt, von einer höheren Kraft, vom tieferem Selbst, dann wird das kleine Ich als ein Kanal verstanden, der heilsame Kraft an andere weiterleitet.</p>



<p>Wir alle können also jeden und alles segnen: Menschen, Tiere, Pflanzen und Dinge. Besonders wenn wir jemandem nicht helfen können, wenn wir das Leid eines Menschen, Tieres oder einer Pflanze nicht lindern können, bleibt uns doch noch etwas zu tun, nämlich zu segnen. Wir können das Essen oder ein Haus können segnen. Wir können den Tag am Abend segnen, oder sogar schon am Morgen können wir den Tag segnen, ohne zu wissen, wie er verlaufen wird. Wir können den Tag auch vor dem Abend loben.</p>



<p>Das Wort Segen wird auch in dem Sinne verwendet, dass jemand oder etwas ein Segen ist. Man sagt z. B.: „Dieses Kind ist ein Segen für die Familie.“ Oder jemand ist mit bestimmten geistigen oder materiellen Gaben gesegnet. Aus einer schwierigen Lage kann ein Segen werden. Segen bedeutet hier ein geistiges Geschenk. Wir sind gesegnet mit den Menschen, die uns nahestehen, mit den Dingen, die uns gehören, wir sind gesegnet mit den Fähigkeiten, die uns in die Wiege gelegt wurden. Wir können segnen, weil wir eingebettet sind in etwas Geheimnisvolles, aus dem all der Segen kommt.</p>



<p>Frage dich: Habe ich mich schon einmal gesegnet gefühlt?&nbsp;</p>



<p>Gelegenheiten zum Segnen gibt es zahllose: beim Warten an der Bushaltestelle, im Wartezimmer, im Stau auf der Autobahn usw. Auf einer Zugfahrt können wir die Mitreisenden segnen, wir können die Felder segnen, an denen der Zug vorbeifährt und die Kühe, die darauf grasen. Segnen braucht keine extra Zeit. Oder wir sehen in den Nachrichten, wie Menschen nach Naturkatastrophen alles verloren haben und über ihre nächsten Angehörigen trauern; wir sehen im Internet, was Tieren angetan wird, und wir können sogleich segnen. Manchmal können wir in solchen Fällen Geld spenden, aber nicht immer ist das möglich. Und das Leid, nahe Angehörige verloren zu haben, kann durch kein Geld der Welt gelindert werden.</p>



<p>Segnen können wir immer. Es kostet keine Zeit und kein Geld, es verbraucht keine Energie, es schafft Energie. Die Wirkungen des Segnens sind nicht sichtbar. Sie heben das Leid jedoch nicht auf. Aber wir können davon ausgehen, dass kein einziger segensreicher Gedanke auf der Welt verloren geht, übrigens geht leider auch kein negativer Gedanke verloren. Wenn wir segnen, wirkt das auch auf uns zurück. Ein indisches Sprichwort sagt: „Das Lächeln, das du aussendest, kehrt zu dir zurück.“ Wir können diesen Satz ein wenig umwandeln und sagen: „Der Segen, den du aussendest, kehrt zu dir zurück.“</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Ich-Zentriertheit oder Gelassenheit</title>
		<link>https://carola-justo.de/ich-zentriertheit-oder-gelassenheit/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[carolajusto]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 20 Feb 2024 17:38:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vortrag]]></category>
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					<description><![CDATA[Ein Mensch, dessen Ichbezogenheit stark abgenommen hat, ist flexibel, er kann gut zuhören, er braucht immer nicht gleich zu reagieren. Er ist verlässlich und entspannt. Er hält sich selbst nicht mehr für so wichtig. Ein stabiler Mensch kann Kritik aushalten, er ist belastbar, freigiebig und gütig. Da ist kein Überlegenheitsgefühl, man hält sich nicht für ganz besonders spirituell, denn man weiß: Egal wie weit man gekommen ist, hat man noch einen weiten Weg vor sich.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>„Wenn es kein Hindernis für das Auge gibt, schauen wir. Wenn es kein Hindernis für das Ohr gibt, hören wir. Wenn es kein Hindernis für den Kopf gibt, werden wir weise. Wenn es kein Hindernis für das Herz gibt, werden wir froh.“ (Chinesischer Spruch)</em></p>



<p>Häufig stellt man fest, dass Menschen jahre- und jahrzehntelang meditieren und man kann bei ihnen keine positive Veränderung feststellen. Woran liegt das? Es liegt wohl daran, dass sie ihre Ichbezogenheit nicht aufgegeben haben, dass sich ihre Ichbezogenheit womöglich sogar noch verstärkt hat. Und das merkt man selbst eher weniger, doch die Umwelt nimmt es wahr, denn wir alle haben blinde Flecke, das bedeutet: Unvorteilhafte eigene Eigenschaften können wir oft nicht sehen, wohl aber bemerken es Menschen in unserem Umkreis. Natürlich gibt es auch Bereiche in der Persönlichkeit, die sowohl einem selbst als auch anderen verborgen sind. Darüber hinaus existiert etwas, das vollkommen verborgen ist: das tiefere Selbst, man kann es auch das „wahre Wesen“ nennen oder „das Göttliche in uns“. Doch nun geht es um unsere mehr oder weniger sichtbare Persönlichkeit.</p>



<p>Wie merkt man, ob ein Mensch seine Ichbezogenheit weitgehend abgelegt hat? Der Mensch ist einfach, auch in Schwierigkeiten. Es ist angenehm, mit einem solchen Menschen zusammen zu sein. &nbsp;Es ist nicht etwa so, dass dieser Mensch, wenn er mit Problemen konfrontiert ist, sie herunterspielt und einem künstlichen Daueroptimismus huldigt, sondern er kann Probleme schneller annehmen, wenn sie unveränderbar sind.</p>



<p>Ein Mensch, dessen Ichbezogenheit stark abgenommen hat, ist flexibel, er kann gut zuhören, er braucht immer nicht gleich zu reagieren. Er ist verlässlich und entspannt. Er hält sich selbst nicht mehr für so wichtig. Ein stabiler Mensch kann Kritik aushalten, er ist belastbar, freigiebig und gütig. Da ist kein Überlegenheitsgefühl, man hält sich nicht für ganz besonders spirituell, denn man weiß: Egal wie weit man gekommen ist, hat man noch einen weiten Weg vor sich.</p>



<p>Kann man denn ohne bewusst praktizierte Spiritualität spirituell wachsen? Ja, natürlich, nämlich durch Lebenserfahrung. Das Leben ist ein Lehrer, ein Meister, der manchmal unbarmherzig sein kann. Durch die Lebenslehren kann man zu einer Gelassenheit kommen, die spirituell ist. Das spirituelle Streben unterstützt diesen Reifungsweg. Gelassenheit bedeutet: sich selbst loslassen, obwohl oder gerade weil man innerlich stabil ist.</p>



<p>Wie steht es nun mit der Ichstabilität eines ich-zentrierten Menschen? Die Ichzentriertheit wirkt ich-schwächend. Dieser Satz scheint ein Paradox zu sein. Ich will ihn näher ausführen: Ein ichzentrierter Mensch, im extremen Fall ein Egomane, ist im Grunde ein ichschwacher Mensch. Anders gesagt: Ein egoverhafteter Mensch hat ein fettes Ich und kein starkes, stabiles Ich. Genauso wie körperliche Fettsucht nicht gesund ist, ist auch ein fettes Ich nicht gesund. Beides macht den Eindruck von Stärke, ist jedoch genau das Gegenteil. Ein starkes Ich ist ein gesundes Ich.</p>



<p>Wenn wir uns selbst einmal ganz ohne Eitelkeit anschauen würden – was wegen der blinden Flecke nicht so einfach ist &#8211; würden wir feststellen, dass wir wahrscheinlich eher nicht so stabil sind, dass wir möglicherweise leicht kränkbar sind, leicht die Fassung verlieren, dass es uns an Gelassenheit fehlt usw. Keine Sorge: Wir gehören mit all diesen Schwächen zu einer großen Menschheitsgemeinschaft, kein Mensch ist völlig frei von Ich-Zentriertheit. Die gute Nachricht ist: Wir können ja etwas tun, nämlich immer mehr die Achtsamkeit erlernen. Achtsamkeit wirkt stabilisierend, es ist eine Stabilisierung des Ichs im positiven Sinne, nicht im neurotischen Sinne der Ich-Aufblähung. Doch wie ich im Vortrag “Um sich selbst kreisen“ (s. o.) geschrieben habe, gilt es hier, Extreme und Zwanghaftigkeit zu vermeiden, sich also nicht aufzuerlegen, immer und überall achtsam sein zu müssen.</p>



<p>Was uns ebenfalls stabilisiert, ist die Dankbarkeit für das, was wir im Leben geschenkt bekommen haben, wohingegen uns immer wiederkehrende Gedanken daran, was wir alles nicht bekommen haben und was uns das Leben erschwert hat oder immer noch erschwert, all diese Gedanken destabilisieren, wenn sie häufig auftreten und gepflegt werden. Und dann ist als Drittes nicht zu vergessen: Der Dienst an anderen Wesen, an Menschen, Tieren und Pflanzen, der Dienst an einer Sache wird uns stabilisieren.</p>



<p>Denn dabei vergessen wir das Ich, wir kommen in den angenehmen Zustand der Selbstvergessenheit und gelangen in den Fluss. Selbstvergessenheit bedeutet: Wir geben etwas in die Gesellschaft hinein, wobei unsere Motivation, hilfreich sein zu wollen, im Vordergrund steht. Steht dagegen die Frage im Vordergrund: „Habe ich jemanden damit beeindrucken können? Finden mich jetzt alle toll?“ dann sind wir eben nicht selbstvergessen. Auch Selbstlosigkeit wird eine Prise Ich-Zentrierung enthalten, weil wir Menschen nicht vollkommen sind; es geht einfach darum: Was steht im Vordergrund: der Wunsch, Gutes zu tun oder dafür bewundert zu werden?</p>



<p>Ich-Stabilisierung durch Selbstvergessenheit bzw. Ich-Vergessenheit, das klingt doch paradox, ist es aber nicht. Je mehr wir uns bei einer Sache, bei einem Engagement selbst vergessen, desto mehr Leichtigkeit, desto mehr Flow kommt in unser Tun. Denn dieses Engagement, diese Hingabe wird ja von irgendeiner Form von Liebe getragen.</p>



<p>Im Gegensatz dazu bedeutet angestrengtes Tun: Das Ich steht im Vordergrund. Wir vergessen uns nicht selbst, und so erschöpfen wir uns viel schneller. Der Gegensatz davon ist das Tun für andere, es ist der Dienst an einer Sache – ohne sich zu verleugnen, ohne gegen die eigene Natur zu arbeiten: Sich selbst so lieben wie den Nächsten, den Nächsten so lieben wie sich selbst. Dabei tun sich unglaubliche Energiequellen auf, und man wird bei weitem nicht so schnell erschöpft.</p>



<p>Wenn man das so hört, kann es passieren, dass man sich, wie ich es schon zuvor angesprochen habe, doch recht ichzentriert vorkommt, weil man oft etwas angestrengt oder sogar mit Abneigung macht. Man kann nicht immer und überall so leicht von sich absehen. Und tatsächlich schleicht sich das Ego ja überall hinein, auch in den Dienst an anderen.</p>



<p>Dazu kommt noch ein weiterer Faktor, der uns nicht so leicht aus der Ichzentrierung herauskommen lässt, nämlich eine überdurchschnittliche Sensibilität, die man gehäuft unter spirituell Suchenden findet. Hochsensible sind meist nicht sonderlich gelassen, weil ihre Emotionen sehr stark sind, sowohl die positiven als auch die negativen. Hochsensible sind auch weniger belastbar. Andererseits hat sie gerade die Hochsensibilität auf den spirituellen Weg gebracht. Sie haben allerdings durch ihre Hochsensibilität einerseits einen schwierigeren Ausgangspunkt, andererseits sind ihre Feinfühligkeit und die Tiefe ihrer Empfindung von hohem spirituellen Wert. Hochsensible sind meist kein Fels in der Brandung. Auch können sie sich schlechter konzentrieren und im Hier und Jetzt verweilen. Von daher fällt ihnen oft auch das Meditieren schwerer.</p>



<p>Hochsensibilität ist weitgehend angeboren; man merkt es schon bei Babys: es gibt leicht irritierbare Babys und Babys, die pflegeleicht sind. Wenn dann noch Traumata dazukommen, steigt die Hochsensibilität. Und Traumata sind nicht nur einzelne Schockerlebnisse, sondern die ganze Kindheit kann traumatisierend gewirkt haben. Traumata ohne eine angeborene Hochsensibilität können ebenfalls ein Ausgangspunkt sein, von dem aus man sich auf den spirituellen Weg macht. Am Anfang der spirituellen Suche steht fast immer ein Leiden.</p>



<p>Zu Beginn sagte ich, man könne oft feststellen, dass Menschen, die jahrzehntelang meditieren, leider häufig durch Meditation nicht verwandelt würden, vielleicht sogar noch egoverhafteter würden. Der Sinn von Meditation ist jedoch letztlich die Transformation. Mit Verwandlung oder Transformation ist etwas anderes gemeint als Selbstoptimierung, die heute sehr in Mode gekommen ist. Was ist der Unterschied zwischen Verwandlung und Selbstoptimierung?</p>



<p>Bei der Selbstoptimierung geht es vielfach um körperliche Perfektion: Man möchte Idealen von Schönheit und Schlankheit entsprechen, was durch optimale Kleidung verstärkt werden soll. Dabei geht es darum, andere zu beeindrucken, was der Ich-Zentrierung zuzuordnen ist. Und nicht nur das: Der Körper soll auch fit und gesund sein. Man möchte aus dem Körper das Beste herausholen. Ein gesunder Körper soll ein langes Leben mit größtmöglichem Wohlbefinden garantieren.</p>



<p>Selbstoptimierung bezieht sich jedoch nicht nur auf den Körper: Man möchte seine Fähigkeiten und bestimmte Persönlichkeitsmerkmale ausbauen und hat dabei immer ein Maximum im Blick. „Immer höher, immer besser, immer weiter, immer schneller“, das ist die Devise der Selbstoptimierung, ein optimales Leistungsvermögen ist eingeschlossen. Schließlich wird der Selbstoptimierungsdruck zum Stress. Hat man ein Ziel erreicht, muss man zum nächsten jagen. Selbstoptimierung geschieht aus dem Ego heraus, es dient dem Ego und es verstärkt das Ego.</p>



<p>Im Gegensatz dazu steht die Transformation, die Verwandlung. Man kann sich nicht selbst verwandeln, sondern man wird verwandelt. Was man selbst dazu tun kann, ist, den Boden zu bereiten. In der Offenheit dafür, verändert zu werden, hält sich das Ego im Hintergrund, es ist nicht der Macher, nicht die Instanz, die etwas auf Biegen und Brechen erreichen will. Bei der Transformation geht es nicht darum, irgendjemanden zu beeindrucken, sondern mehr Licht in die Welt zu bringen. Der Meditationslehrer Karlfried Graf Dürckheim sagte, dass der Sinn jeder spirituellen Übung sei, das Überweltliche in die Welt zu bringen.</p>



<p>In unserem Kulturkreis geht es vielen Menschen, die meditieren, ausschließlich darum, Wohlgefühle, Glücksgefühle und Ruhe zu erfahren. Natürlich will man sich lieber wohl als unwohl fühlen, lieber ruhig als unruhig, lieber glücklich als unglücklich sein. &nbsp;Aber das sind Nebeneffekte von Meditation, die sich auch nicht immer einstellen, manchmal sogar selten auftauchen. Und das ist auch gut so, denn dann wird unser Beweggrund reiner. Wir lernen dann eher, von uns abzusehen, falls wir dann nicht die Meditation aus Enttäuschung aufgeben.</p>



<p>Wenn wir meditieren und dabei nicht nur uns selbst im Blick haben wollen, können wir uns vor jeder Meditationssitzung bewusstmachen, dass durch das eigene Meditieren etwas Segensreiches auch in die Welt kommt, ganz im Sinne einer buddhistischen Tradition, die empfiehlt, sich vor jeder Sitzung zu sagen: „Nicht nur für mich, sondern für die ganze Welt meditiere ich.“</p>



<p>Alle unsere Lebenserfahrungen, vor allem die bitteren, tun das ihre dazu, dass wir lernen, immer weniger um uns selbst zu kreisen. Es kann jedoch auch das Gegenteil passieren: Menschen werden durch bittere Lebenserfahrungen nicht in positiver Weise verwandelt, sondern verbittert. Bei alten Menschen kann man häufig Extreme feststellen: Entweder sind sie mürrisch oder unzufrieden geworden, oder aber sie strahlen eine gelassene, ruhige Heiterkeit aus. Gelassenheit bedeutet: Man lässt sich selbst los.</p>



<p>Ein Gegensatz zur Gelassenheit ist die Verbitterung. Sie entsteht, wenn wir verletzt wurden, von Menschen oder vom Leben selbst, und dann hadern wir mit dem, was wir erfahren haben. Manches Schicksal ist so schwer, dass es nur allzu verständlich ist, wenn ein Mensch sich lange Zeit dagegen auflehnt. Mehr oder weniger verlangen wir doch vom Leben, dass es uns einigermaßen gerecht behandelt, was das Leben aber nicht tut. Und so kann man leicht in eine Verbitterung hineingeraten. Verbitterung schwächt das Ich. Das Hinnehmen des Unabwendbaren und des Unveränderbaren dagegen macht uns stabil und letztlich glücklicher. Alles, was uns wirklich glücklich macht, macht uns stabil.</p>



<p>Ein chinesischer Spruch sagt: „Wenn es kein Hindernis für das Auge gibt, schauen wir. Wenn es kein Hindernis für das Ohr gibt, hören wir. Wenn es kein Hindernis für den Kopf gibt, werden wir weise. Wenn es kein Hindernis für das Herz gibt, werden wir froh.“ Was sind diese Hindernisse? Die Ich-Zentriertheit. Schon bei der sinnlichen Wahrnehmung des Schauens und Hörens kann das Ich sich so in den Vordergrund stellen, dass wir nicht hingegeben an das Geschaute und Gehörte sind. Sind wir jedoch ganz präsent in unseren Sinneswahrnehmungen, kommen wir in den Flow, in die Selbstvergessenheit. Das Hindernis für den Kopf, von dem hier die Rede ist, ist ebenfalls die Ich-Zentriertheit, die Verbohrtheit oder das Gedankenkarussell. Das Hindernis für das Herz kann sich in vielfältiger ich-zentrierter Weise zeigen: Da ist die Ängstlichkeit, die Ablehnung, die mangelnde Offenheit. Wenn sich diese Hindernisse auflösen, werden wir weise, und das Herz wird froh.</p>
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		<title>Die Erfahrung des Mangels und die Sehnsucht</title>
		<link>https://carola-justo.de/die-erfahrung-des-mangels-und-die-sehnsucht/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[carolajusto]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 20 Feb 2024 17:37:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vortrag]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Erfahrung des Mangels ist einer der Gründe, vielleicht sogar der Hauptgrund, warum es Spiritualität gibt, warum der Mensch nicht bei dem stehen bleiben will, was er schon erreicht hat, aber die Erfahrung des Mangels ist auch der Hauptgrund, warum es Süchte gibt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>„Selbst, wenn alles da ist, was wir je gewollt haben, und sich jeder Mensch, den wir lieben, im Umkreis unseres Lebens befindet, haben wir dennoch das Gefühl, dass irgendetwas fehlt. Wir sind nicht imstande, dieses fehlende Etwas zu benennen… Wir fühlen, dass etwas Lebenswichtiges außerhalb unserer Reichweite liegt, irgendwo im Unbekannten… Die Stimme kommt aus unserer Seele. Es ist die Stimme unserer ewigen Sehnsucht… Wenn wir mit dieser Sehnsucht Freundschaft schließen, wird sie uns helfen, uns daran zu erinnern, warum wir hier auf der Erde sind.“ (John O’Donohue)</em></p>



<p>Die Erfahrung des Mangels ist einer der Gründe, vielleicht sogar der Hauptgrund, warum es Spiritualität gibt, warum der Mensch nicht bei dem stehen bleiben will, was er schon erreicht hat, aber die Erfahrung des Mangels ist auch der Hauptgrund, warum es Süchte gibt.</p>



<p>Stellen wir uns nun einen Menschen vor, der immer zufrieden ist. Dieser Mensch würde sich um nichts bemühen, er würde nicht versuchen, weiter zu kommen. Alle seine Bedürfnisse wären befriedigt, es würde ihn nicht nach mehr verlangen. Das wäre ein Mensch, der aufgehört hätte, zu wachsen. Natürlich gibt es den immer satten und immer zufriedenen Menschen nicht.</p>



<p>Ob bewusst oder unbewusst sucht der Mensch nach mehr in seinem Leben. Wenn er alles Gewünschte erreicht hat, ist er eine Weile zufrieden, aber diese Zufriedenheit dauert nicht lange an, er sucht nach mehr. Und da gibt es zwei Möglichkeiten: Habe ich alles im beruflichen, materiellen, familiären Bereich erreicht, kann ich danach streben, noch mehr vom selben zu bekommen, also noch mehr Geld, eine noch höhere Position usw., oder aber ich kann danach streben, etwas anderes zu bekommen.</p>



<p>Menschen, die schon in jungen Jahren sehr erfolgreich waren, werden wahrscheinlich die erste Möglichkeit wählen: noch mehr Erfolg, noch mehr Geld, noch mehr vom selben. Menschen in der Lebensmitte merken aber häufig, dass dieses Mehr vom Selben sie nicht mehr befriedigt, sie möchten mehr von etwas anderem.</p>



<p>Wie oft geschieht es, dass Stars, Superreiche und erfolgreiche Künstler in Süchte oder Depression verfallen, wenn sie alles erreicht haben, was man erreichen kann. Als der indische Schriftsteller und Philosoph Rabindranath Tagore 1913 den Literaturnobelpreis erhielt – es war überhaupt das erste Mal, dass ein Asiate mit dieser hohen Auszeichnung geehrt wurde – verfiel er in eine Depression. Es kommt gar nicht selten vor, dass man depressiv wird, weil man etwas Ersehntes erreicht hat. Doch dieses Erreichte war dann immer etwas Äußerliches: ein Erfolg, ein Aufstieg, ein Zuwachs irgendeiner Art.</p>



<p>Was nun Süchte betrifft, so kann man sagen, dass der Mensch hier mehr oder weniger bewusst ein Mangelgefühl wahrnimmt, aber nicht richtig deutet. Das Mangelgefühl kommt letztlich von einer ungestillten Sehnsucht her. Sucht ist Ausdruck von Sehnsucht, nur falsch gedeutet und unangemessen ausgelebt. Unsere derzeitige Gesellschaft ist süchtiger denn je; jeder Mensch hat heutzutage zumindest eine kleine Sucht.</p>



<p>Jeder und jede Alkoholiker/in, Drogensüchtige, Arbeitssüchtige, Kaufsüchtige, Computersüchtige sucht unbewusst nach einer Erfüllung, die ihm die Droge nicht geben kann. Der Süchtige füllt sich mit der Droge, aber er bekommt nie genug, er wird nicht erfüllt davon, und deswegen kann er nicht aufhören. Der Süchtige hat seine Sehnsucht nicht verstanden.</p>



<p>Die deutsche jüdische Dichterin Nelly Sachs schrieb: „Alles beginnt mit der Sehnsucht.“ Die Sehnsucht ist tief in jedem Menschen verankert. Die Sehnsucht ist Bestandteil seines Wesens. Nicht immer ist sie bewusst. Im Suchtverhalten zeigt sich die Sehnsucht auf eine unbewusste und unangemessene Weise. Jeder Mensch hat zumindest in einem geringen Ausmaß irgendeine Sucht, weil er auf die gesamte Wucht seiner Sehnsucht nicht entsprechend reagieren kann. Aber wenn man sich die eigene Sehnsucht bewusstmacht, beginnt man vielleicht, nach dem anderen, nach dem, was das Banale übersteigt, zu suchen. Dann entdeckt man die Sehnsucht in der eigenen Sucht und kann die Sucht zumindest ein Stück weit wieder in Sehnsucht zurück verwandeln.</p>



<p>Die Suche nach spiritueller Erfahrung scheint mir die angemessene Antwort auf die Sehnsucht zu sein. Im spirituellen Streben folgt man der Spur der Sehnsucht, denn die Sehnsucht meint letztlich das Transzendente, das, was uns und unser alltägliches Leben übersteigt. Und was geschieht dann, wenn man dieser Spur der Sehnsucht folgt? Statt sich mit dem voll zu machen, was einen letztlich nicht erfüllen kann, kann man eine tiefere Erfüllung finden. Aber es wäre eine weitere Illusion, wenn man glauben würde, dann ist man ein für alle Mal erfüllt. Die Sehnsucht wird immer nur zeitweise und bruchstückhaft gestillt, auch nach einer spirituellen Erfahrung.</p>



<p>Weil die Sehnsucht Bestandteil des menschlichen Wesens ist, muss der Mensch sich weiter sehnen können, nachdem eine Sehnsucht gestillt ist. Aus diesem Grund wird naturgemäß seine Sehnsucht immer nur teilweise oder kurze Zeit erfüllt werden und deshalb fällt man auch immer wieder aus den schönsten Erfahrungen von erfüllter Sehnsucht heraus. In einem rauschhaften Gefühl der Liebe und Verliebtheit können wir nicht ewig bleiben, ein ekstatisches Glücksgefühl hält nicht lange an, ein tiefer meditativer Zustand geht vorüber und macht banalen Gedanken und Gefühlen Platz. Nach Hochgefühlen kommen möglicherweise Gefühle von Öde und Langeweile.</p>



<p>Wir sind dem Wechsel unterworfen. Wir selbst sind Mangelwesen. Und wir werden immer wieder Mangel erfahren. Wir können keine beglückende Erfahrung festhalten, wir können Gott nicht in Besitz nehmen. Je mehr wir etwas von diesem Anderen, das den Alltag übersteigt, erfahren haben, desto größer wird die Sehnsucht. Wenn wir jedoch nicht einmal den Schimmer einer Ahnung von diesem Anderen haben, werden wir keine Sehnsucht danach empfinden können.&nbsp; Man hat ja keine Sehnsucht nach etwas, das einem völlig unbekannt ist.</p>



<p>Die Mönche und Nonnen des Mittelalters um die Gabe der Tränen. Die Gabe der Tränen, das ist die Gabe der Sehnsucht. Solange Sehnsucht in uns lebendig ist, sind wir auf der Suche. Es ist gut, ein Leben lang Suchende zu sein.</p>



<p>Sehnsucht ist ein Spannungszustand: Es ist eine Spannung da zwischen dem, was ich will, aber sich mir – zumindest im Moment &#8211; entzieht. Sehnsucht fühlt sich halb schmerzhaft an, halb beglückend. Manche Menschen mögen die Sehnsucht nicht, weil sie eben auch einen schmerzhaften Aspekt hat. Doch ohne Sehnsucht gibt es keine innere Lebendigkeit. Wenn man z. B. einen Roman schreibt, dann ist es ganz wichtig, darauf zu achten, dass die Hauptpersonen in einem tiefgreifenden Konflikt stehen und irgendeine tiefe Sehnsucht haben. Ansonsten wird der Roman langweilig. Das können wir auf das Leben übertragen – denn ein Roman soll ja das Leben, so wie es ist, darstellen: Ein Leben ohne einen Spannungszustand und ohne Sehnsucht wäre langweilig.</p>



<p>Man kann sich im Aushalten von Spannung üben. Indem man z. B. hin und wieder auf sofortige Befriedigung von Bedürfnissen verzichtet, selbst da, wo es möglich wäre, sie sofort zu stillen. Man kann die Fähigkeit zu warten üben. Wir verlernen sie immer mehr. Wir wünschen uns etwas, und am nächsten Tag bringt es der Paketbote. Jeden Tag gibt es viele Möglichkeiten dazu, das Warten wieder zu üben. Im Warten muss man ja eine Spannung aushalten: Ich will etwas, das aber noch nicht da ist. Man wird unruhig, fragt sich: bekomme ich das oder nicht? Kommt er oder sie oder es – oder kommt es nicht. Wenn ich lerne zu warten, lerne ich Sehnsucht auszuhalten. In Hermann Hesses Roman „Siddhartha“ antwortet Siddhartha auf die Frage, was er denn alles könne: „Ich kann denken, ich kann fasten, ich kann warten.“ Fasten bedeutet verzichten, und wenn wir warten, verzichten wir auf sofortige Befriedigung.</p>



<p>Wenn wir einen Mangel aushalten, können wir in dem Moment, wenn der Mangel behoben ist, etwas intensiver oder tiefer erfahren. Wenn wir Hunger haben, wie phantastisch schmeckt danach das Essen! Haben wir einen geliebten Menschen lange nicht gesehen, wie intensiv wird das Wiedersehen erlebt! Wer über Tage hinweg pilgert, macht immer wieder die Erfahrung des Mangels an allem Möglichen: an Bequemlichkeit, an Nahrungsmitteln, vielleicht auch an Austausch mit einem Menschen. Aber wenn man dann mit einem anderen unbekannten Pilger ins Gespräch kommt, dann geschehen tiefen Begegnungen.</p>



<p>Eine extreme Erfahrung von Mangel beschreibt Antoine de Saint-Exupéry eindrücklich in seinem Buch „Wind, Sand und Sterne“. Er erzählt, wie er zusammen mit einem Freund in der nordafrikanischen Wüste abstürzte und fast verdurstete. Er und sein Freund bekamen Halluzinationen. Und da nähert sich ihnen ein Beduine, den sie zunächst auch für eine Halluzination halten. Aber dieser Beduine ist wirklich, und er reicht den beiden Verdurstenden ein Glas Wasser. Und dann beschreibt Exupéry, wie Wasser schmeckt. Es folgt geradezu eine Hymne auf das Wasser. Wasser ist für ihn in dem Moment das Leben selbst. Und die Hymne schließt auch den Beduinen ein, über den er schreibt: „Du bist der Mensch und erschienst mir mit dem Antlitz aller Menschen! Du hattest uns nie zuvor gesehen und hast uns doch erkannt! Du bist mein geliebter Bruder, und ich werde dich in allen Menschen wiedererkennen!“</p>



<p>Wie wir sehen, war es für Exupéry eine überwältigende Erfahrung, Wasser zu trinken, weil der Durst unendlich groß war, es war überwältigend, in der Einsamkeit der Wüste im Angesicht des Todes einem Menschen zu begegnen, der ihn rettet. Die Erfahrung dieses Mangels und der Aufhebung des Mangels führt ihn letztlich zu tiefer Dankbarkeit.</p>



<p>Abschließend möchte ich den deutschen Schriftsteller Ulrich Schaffer zitieren, der Folgendes über Sehnsucht und Suche schrieb: „Hinter der Suche nach Äußerem steht das Suchen nach dem Unfassbaren. Wir suchen nach dem Sinn, in dem das Verstreute unseres Lebens zusammenkommt. Wir suchen nach Erfüllung. Dabei mögen wir gleichzeitig Angst vor dem Finden haben, weil das Gefundene meistens hinter dem zurückbleibt, was wir ersehnt haben. Es ist, als ob die Sehnsucht unstillbar sein will. Für mich ist es wichtig, mir meiner Suche und Sehnsucht bewusst zu werden, ihr nicht nur ausgeliefert zu sein, sondern sie zu gestalten… Das Suchen ist die eigentliche Arbeit meines Lebens, weil ich dadurch auf das Wesentliche stoße.“</p>
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		<title>Wunscherfüllung und die Magie des Lebens</title>
		<link>https://carola-justo.de/wunscherfuellung-und-die-magie-des-lebens/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[carolajusto]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 17 Jun 2023 20:22:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vortrag]]></category>
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					<description><![CDATA[Glücksgefühle entstehen oft durch die Erfüllung von Wünschen. Glückserlebnisse, die mit Wunscherfüllung verbunden sind, sind meist nur kurz, und wenn ein Wunsch erfüllt ist, ist bald schon der nächste da. Glücksgefühle jedoch, die entstehen, weil man etwas Schwieriges bewältigt hat, halten länger an. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>„Im Allgemeinen wollen Menschen in der Außenwelt Erfolg haben… Das Universum hingegen interessiert unser äußerer Erfolg nicht; es zielt darauf ab, unsere inneren Kräfte zu stärken… Das erklärt, warum die Widrigkeiten nicht aufhören, obwohl wir uns vorwärtsbewegen. Widerstand ist das Einzige, wodurch das Universum unsere inneren Kräfte stärken kann.“ (Phil Stutz und Barry Michels)</em></p>



<p>Glücksgefühle entstehen oft durch die Erfüllung von Wünschen. Glückserlebnisse, die mit Wunscherfüllung verbunden sind, sind meist nur kurz, und wenn ein Wunsch erfüllt ist, ist bald schon der nächste da. Glücksgefühle jedoch, die entstehen, weil man etwas Schwieriges bewältigt hat, halten länger an.</p>



<p>Wir leben in einer Zeit, in der alles leicht sein soll und in der möglichst alle Wünsche erfüllt und alle Bedürfnisse befriedigt werden sollen. Doch dabei vergisst man eines: Das Erreichen von Zielen und das Erfüllen von Wünschen macht nicht dauerhaft glücklich. Überhaupt ist das dauerhafte Glück eine Illusion. Diese Illusion wird durch unzählige Bücher genährt, die uns lehren, welche Haltung wir einnehmen sollen, damit unsere Wünsche in Erfüllung gehen können. Und wenn sie trotz dieser Methoden nicht in Erfüllung gehen, dann, so heißt es, hätten wir etwas falsch gemacht, vor allem hätten wir nicht stark genug geglaubt. Das hat etwas mit magischem Denken zu tun.</p>



<p>Dass eine optimistische Einstellung für das Erreichen von Zielen förderlicher ist als eine pessimistische, ist ganz klar. Und es steht auch außer Frage, dass lange gehegte Wünsche, auf die man sich fokussiert hat und vor allem, die einen zum entsprechenden Handeln veranlasst haben, tatsächlich eher in Erfüllung gehen können.</p>



<p>Doch was steckt eigentlich hinter diesem Streben, dass alles, was wir uns wünschen, in Erfüllung gehen soll? Oder dass alles, was wir weghaben wollen, also uns wegwünschen, aus dem Leben verschwinden soll?</p>



<p>In dem Film „Quantum Activist“ legt der indische Quantenphysiker Amit Goswami u. a. seine Sichtweise über diese Wunschmagie dar. Der auf Deutsch synchronisierte Film spricht vor allem über Bewusstsein und die Einheit allen Seins, und er lehrt, ganz in der Tradition der (indischen) Mystik, die für ihn von der Quantenphysik bestätigt wird, dass das ganze Universum von Bewusstsein durchdrungen ist. Demnach existierte zunächst nur das Bewusstsein, und daraus entstand die Materie, Materie ist eine sichtbare Form des Bewusstseins, des Geistes. Und trotzdem sagt er, dass den Wunscherfüllungsmethoden der Feinsinn für das Wesen des Bewusstseins fehle. Was meint er damit? Zunächst bringt er das Beispiel, dass man sich einen Sportwagen wünscht und ihn visualisiert. (Solche Visualisierungen lehren z. B. Selbsthilfebücher wie „The Secret“. Bücher dieser Art sind tatsächlich sehr auf das Materielle ausgerichtet.) Diese Methoden lehren ja, dass man die eigene Realität erschaffen kann, indem man sie sich zunächst vorstellt. Du stellst dir intensiv und über einen langen Zeitraum vor, dass ein Porsche in deiner Garage steht, und eines Tages steht er auch dort, so wird es dem Leser versprochen.</p>



<p>Amit Goswami sagt dazu: Stell dir vor, alle Menschen auf der Welt wünschen sich einen solchen Sportwagen mittels magischer Gedanken herbei; niemals kann auch nur ein Teil der Menschheit so viele Sportwagen besitzen. Wenn ich mir das so sehr für mich wünsche, ohne dass ich etwas dafür tue und anderswo Verzicht leiste, schließe ich den Rest der Menschheit aus. Das Ego hat sich an die Spitze gestellt. Da die Sache mit dem Porsche in der Garage trotz Beteuerungen dieser Buchautoren nicht funktionieren kann, wurde man bescheidener: Man möchte, wenn man mit seinem Auto in die Stadt fährt, lediglich einen Parkplatz, und man bittet das Universum, dass man einen Parkplatz bekommt. Wieder schließt man dabei die anderen aus, denn auch andere Autofahrer möchten einen Parkplatz bekommen. Würden wir Gott oder das Universum bitten, dass alle Autofahrer, die jetzt gerade unterwegs sind und einen Parkplatz suchen, auch einen finden, dann wäre das kein ego-verstärkender Wunsch, bei dem ich das Gute nur für mich will, sondern weil ich aus einem Geist der Verbundenheit heraus etwas wünsche, kann der Wunsch sogar eher in Erfüllung gehen.</p>



<p>Goswami bleibt, um diese Zusammenhänge zu erklären, weiter bei den Beispielen aus dem Straßenverkehr, was nicht abwegig ist, denn man kann sagen: So wie man Auto fährt, so fährt man durchs Leben (oder so wie man geht, so geht man durchs Leben). Ein weiteres seiner Beispiele bezieht sich also wieder auf den Verkehr: Wünsche ich mir, dass alle Ampeln auf meiner Wegstrecke immer dann grün sind, wenn ich mich ihnen nähere, dann habe ich nur mein Ego im Fokus. Denn auch die Autofahrer, die aus anderen Richtungen kommen, hätten lieber grüne als rote Ampeln. Ich wünsche mir dabei also etwas nicht aus dem Geist des Einsseins und der Verbundenheit heraus, sondern aus dem Geist des Getrenntseins. Der Geist des Getrenntseins sagt: Ich brauche dies und jenes, und was du brauchst, ist mir egal. Der Geist des Einsseins sagt: Ich bin verbunden mit allen; ich möchte das, was für alle gut ist. Alle Ampeln können nicht auf Grün stehen, und ich muss nicht vom Universum bevorzugt behandelt werden.</p>



<p>Das Gebot „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ gründet auf dem Einheitsbewusstsein: Ich trenne mich nicht von anderen, indem ich andere schlechter behandle als mich und auch nicht, indem ich mich selbst schlechter als andere behandle. Denn auch Letzteres bedeutet, dass ich mich als von den anderen Menschen getrennt empfinde.</p>



<p>Wenn man der aus den USA stammenden Methode der Reality Creation, der Erschaffung der eigenen Realität folgt, dann sollte man bedenken: Wenn ich das Oberhaupt meiner Realität sein will, was passiert, wenn alle so denken? Wenn alle die Herrscher ihrer Realität wären, wer würde dann noch bei der Müllabfuhr arbeiten wollen? Was als spirituell verkauft wird, wie z. B. diese Wunscherfüllungsmagie, ist oft das Gegenteil von Spiritualität. Wirklich spirituell ist der Abbau des Egos, wirklich spirituell ist das Handeln, das alle im Blick hat aus einem Bewusstsein der Verbundenheit heraus.</p>



<p>Wenn wir uns aus dem Einheits-Bewusstsein heraus etwas wünschen, erfüllt es sich viel eher. Goswami sagt, wenn wir z. B. einen kranken Freund schnell ins Krankenhaus fahren müssen, dass dann tatsächlich oft auf scheinbar magische Weise alle Ampeln auf Grün stehen, denn hier wollen wir etwas nicht für uns selbst, sondern wir sind in Verbundenheit mit einem anderen Menschen. Das ist ein kleines Beispiel dafür, dass es tatsächlich eine Art Magie der Wunscherfüllung gibt, wenn wir in einem Einheitsbewusstsein sind. Die Ego-Wünsche werden oft nicht erfüllt. Ego-Wünsche, die wir natürlich alle haben, werden nicht durch magische Methoden erfüllt, sondern starke Wünsche werden am ehesten erfüllt, wenn wir die entsprechende eigene Energie aufwenden. Viele unserer Wünsche sind fragwürdig, aber das merken wir meist erst hinterher, nämlich dann, wenn sie erfüllt worden sind und uns doch nicht so glücklich gemacht haben wie wir angenommen hatten oder aber dieses Glücksgefühl unerwarteterweise sehr flüchtig ist.</p>



<p>Kürzlich erhielt ich eine Mail einer esoterischen Bewegung, in der ein junger Mann, der sich Pablo nannte, schreibt, er hätte dank des Wunschtrainings eines gewissen Pierre Frankh seine Traumfrau, seinen Traumjob und sein Traumhaus in Italien gefunden, außerdem wäre sein Leben jetzt nur noch Glück und Freude. Natürlich ist das gelogen, und diesen Pablo gibt es wahrscheinlich gar nicht, aber selbst wenn das alles stimmen würde – wie lange wäre dieser Schüler des Wunschtrainers und Buchautoren Pierre Frankh glücklich? Solche Versprechungen verführen unzählige Menschen. Es kann so nicht funktionieren, denn etwas Wesentliches wird übersehen: In unserer Schöpfung dominiert das Gesetz der Polarität, es ist stärker als das Gesetz der Resonanz. Was heißt das?</p>



<p>All diese Heilsversprechen berufen sich auf das Gesetz der Resonanz, das bedeutet: Gleiches zieht Gleiches an, wie innen so außen. Dieses Gesetz ist keine Phantasterei. Es gibt z. B. so etwas wie die sich selbst erfüllende Prophezeiung, d.h. das, was wir erwarten, sei es etwas Positives oder Negatives, kann deshalb eher eintreten, weil wir es erwarten. Aber wenn man sich das eigene Leben als perfekt vorstellt und selbst wenn diese Wünsche nach dem traumhaften Leben irgendwann tatsächlich in Erfüllung gingen, es könnte nicht lange so bleiben, weil das Gesetz der Polarität stärker ist, und dieses Gesetz besagt: Im Leben muss es Positives und Negatives geben, deshalb wechseln sich Freude und Leid immer ab.</p>



<p>Wollen wir das Negative aus unserem Leben verbannen, kommt es durch die Hintertür herein, vielleicht in Form von Depressionen oder Panikattacken. Man kann nicht seelisch gesund sein oder bleiben, wenn man die eine Seite des Lebens ausblenden will. Man kann nicht seelisch gesund sein, wenn das Ego derart überhandnimmt, dass man die vollkommene Regie über das eigene Leben führen will. &#8211; Marie von Ebner-Eschenbach sagte, dass unsere Wünsche dann in Erfüllung gehen, wenn uns an ihrer Erfüllung nichts mehr liegt. Warum? Weil wir uns losgelassen haben. Ein Spruch von Rabbi Akiba, der im 1. Jahrhundert n. Chr. lebte, sagt es mit anderen Worten: „Das, wonach du jagst, bekommst du nicht, aber das, was du werden lässt, das fliegt dir zu.“ Wenn ein Wunsch gar zu heftig ist, dann liegt viel Ego darin, und wir verkrampfen uns. Erst wenn wir lockerlassen, kann sich der Wunsch erfüllen. Das ist eine Art Magie, die Magie des Lebens. Nicht unsere kleinen und manchmal dicken Egos sind die Magier, sondern das Leben selbst, nämlich dann, wenn wir mit etwas Größerem als unserem kleinen Ich in Verbindung treten.</p>



<p>Tatsächlich geschehen im Leben ja oft unerklärliche Dinge, wie z. B., dass wir genau das bekommen, das wir gerade brauchen. Ich habe letztes Jahr bei einer meiner Ausstellungen Brunhilde Schierl kennengelernt, die den Jakobsweg von Flensburg bis Konstanz zu Fuß, ohne Geld, Kreditkarte und Handy gemacht hat. Sie hat darüber ein Buch geschrieben. Ich habe das Buch nicht gelesen, aber sie hat mir ein wenig von diesem Abenteuer erzählt. Auf ihrem Rucksack und ihrem T-Shirt standen die Worte „Gottvertrauen stärkt“. Und ihr Vertrauen wurde bestätigt: Jeden Tag bekam sie genug zu essen und immer einen Platz zum Schlafen. Außerdem kam es zu interessanten Begegnungen.</p>



<p>Wie konnte das passieren? Diese Frau war angebunden an eine höhere Wirklichkeit, die sie Gott nennt. Sie hat keine modernen Visualisierungs-methoden angewandt, sie hat keinen Teller voll Essen und kein Bett imaginiert, sondern sie hat einen absoluten Glauben an diese höhere Kraft. Das ist so ganz anders, als wenn man versucht, den Eigenwillen als Magie zur Erreichung seiner Ziele einzusetzen, weshalb ich z. B. das Beten für sinnvoller halte als magische Praktiken, und zwar deshalb, weil man durch Beten in Verbindung tritt. Dabei ist es gleichgültig, ob man zu Gott, zu Christus, zu Krishna oder einer namenlosen höheren Kraft betet, entscheidend ist das Angebundensein und dass man sich selber nicht als Macher oder Macherin versteht.</p>



<p>Das große Problem heute ist, dass der Glaube an eine höhere Macht abnimmt und deshalb die Gefahr besteht, dass man sich selbst an die erste Stelle setzt und Allmachtsgedanken hegt. Für mich gibt es keine Zweifel, dass Gott existiert, aber nehmen wir einmal an, es gäbe keinen Gott. Dann wäre allein der Glaube an Ihn eine phantastische Idee, die einem hilft zu leben und sich geborgen zu fühlen. Oda Jaune, eine bulgarische Malerin und Witwe des berühmten Malers Jörg Immendorf, sagte in einem Interview, dass sie sich für Gott genau deshalb so sehr interessierte, weil der Glaube an ihn im damaligen Bulgarien verboten war. Sie sagte: „Sollte ich nach dem Tod feststellen, dass Gott nicht existiert, würde ich trotzdem unendlich dankbar sein, im Leben an ihn geglaubt zu haben.“</p>



<p>Wer nicht an Gott glaubt, kann dem Leben vertrauen, nämlich, dass das Leben einem genau das bringt, was man wirklich benötigt, und dass es einem das versagt, was man eben, manchmal aus unerfindlichen Gründen, nicht im Leben haben soll. Das Leben sorgt für Magie. Doch wenn man es genau nimmt, enthält der Glauben an „das Leben“, das es gut mit einem meint, doch auch den Glauben an die Sinnhaftigkeit und Zielgerichtetheit des Lebens. Manche nennen es auch Universum, und die große Frage, die Albert Einstein stellte, war: „Ist das Universum freundlich?“ Er hat diese Frage bejaht. Ein freundliches, gütiges Universum, eine intelligente und zielgerichtete Natur ist nur ein anderes Wort für Gott. Wenn wir dies so betrachten, nimmt unser Größenwahn, dass wir die Schöpfer unserer Realität sind, ab.</p>



<p>„Das, was du werden lässt, das fliegt dir zu“, sagte Rabbi Akiba. Das, was du wirklich brauchst, fliegt dir also zu, es fällt dir zu, es geschehen rätselhafte Zufälle. Wir alle haben das schon auf vielfältige Weise erlebt, sei es durch überraschende Begegnungen, durch ein Buch, das wir genau zum richtigen Zeitpunkt gefunden haben, durch einen Satz, den wir hören und der uns weiterbringt. Die Magie des Lebens hat durchaus mit unserem Denken, Wollen und Handeln zu tun und mehr noch mit unserem Unbewussten, doch sie lässt sich nicht manipulieren, und sie hat noch eine Eigenheit an sich: Die Magie des Lebens kommt ungeplant und überraschend.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Naikan – Einübung in die Dankbarkeit</title>
		<link>https://carola-justo.de/naikan-einuebung-in-die-dankbarkeit/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[carolajusto]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 17 Jun 2023 20:22:02 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vortrag]]></category>
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					<description><![CDATA[Heutzutage gibt es eine Unmenge von spirituellen Übungen. Wollte ein Mensch sie alle ausprobieren, würde ein ganzes Leben nicht ausreichen. Es gibt Übungen, die den Menschen überfordern und anstrengen, vor allem, wenn er glaubt, sie machen zu müssen oder zu sollen. Man setzt sich unter Druck, und meistens gibt man die Übungen bald auf. Und es gibt Übungen, die den Menschen auf eine falsche Fährte führen, nämlich dann, wenn sie ihm vormachen, dass er mit einer bestimmten Übung sein Wesen stetig optimieren oder alle negativen Gedanken auslöschen könnte.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>„Heute glauben viele, dass Glück die Quelle für Lebensfreude, Lebendigkeit, Vitalität ist. Nicht das Glück ist die Quelle der Lebensfreude, sondern die Haltung der tiefen Dankbarkeit. Jeder Augenblick ist eine Gelegenheit für ein Geschenk und die Dankbarkeit. Das braucht Achtsamkeit.“ (Br. David Steindl-Rast)</em></p>



<p>Heutzutage gibt es eine Unmenge von spirituellen Übungen. Wollte ein Mensch sie alle ausprobieren, würde ein ganzes Leben nicht ausreichen. Es gibt Übungen, die den Menschen überfordern und anstrengen, vor allem, wenn er glaubt, sie machen zu müssen oder zu sollen. Man setzt sich unter Druck, und meistens gibt man die Übungen bald auf. Und es gibt Übungen, die den Menschen auf eine falsche Fährte führen, nämlich dann, wenn sie ihm vormachen, dass er mit einer bestimmten Übung sein Wesen stetig optimieren oder alle negativen Gedanken auslöschen könnte.</p>



<p>Im Folgenden möchte ich eine Übung vorstellen, die ich für nicht überfordernd und für sehr realistisch halte, und die zudem einfach und leicht wiederholbar ist. Das ist ja das Grundprinzip, das der Zen lehrt: Eine geistliche Übung muss, um wirkungsvoll zu sein, zwei Charakteristiken aufweisen: Sie muss einfach und leicht wiederholbar sein.</p>



<p>Ich möchte über eine Methode sprechen, die die genannten Charakteristiken aufweist. Sie heißt Naikan und wurde von dem Japaner Ishin Yoshimoto im vorigen Jahrhundert entwickelt. Im Naikan geht es um drei Fragen, die man sich möglichst täglich stellt: 1. Was habe ich bekommen? 2. Was habe ich gegeben? 3. Welche Schwierigkeiten habe ich anderen bereitet?</p>



<p>Nun zur ersten Frage: Was habe ich bekommen? &#8211; Wenn ein Mensch sagt: Ich bin immer nur am Geben und bekomme nichts oder zu wenig, dann unterliegt er in jedem Fall einem Irrtum, denn jeder Mensch bekommt viel mehr als er überhaupt geben kann. Wir bekommen jeden Tag den Sonnenschein, die Luft, das Gezwitscher der Vögel, den Gruß des Nachbarn. Das alles bekommen wir kostenlos.</p>



<p>Beim Naikan reflektiert man täglich darüber, was man bekam, dabei zählt man sich auch die Dinge auf, für die man bezahlen musste: das Brot, das uns die Verkäuferin gab, eine Dienstleistung, die wir bekamen – das alles haben wir doch bekommen, wir haben das zwar bezahlt, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass wir es bekommen haben. Es ist nicht selbstverständlich. Wir haben Arbeit, oder hatten Arbeit und bekommen Geld, wodurch wir all das kaufen, also bekommen können. Wir bekommen Elektrizität. Die Geräte, die von anderen Menschen gebaut wurden, dienen uns. Aus dem Wasserhahn kommt Wasser. Wer denkt schon daran, dass das etwas ist, das man bekommt? Wir denken auch so gut wie nie daran, dass schon die Zeitung am Morgen, für die wir natürlich gezahlt haben, dadurch zu uns kommt, weil jemand ganz früh aufstand und in der Dunkelheit durch die Straßen ging. Jedes Ding, das wir berühren, könnte uns die Geschichte vieler Menschen erzählen, die es produziert haben und auf den Weg zu uns brachten.</p>



<p>Wenn man ein Tages-Naikan macht und reflektiert, was man in den letzten 24 Stunden bekommen hat, so könnte das so aussehen:</p>



<p><strong>Was habe ich bekommen?</strong></p>



<p><em>Aus: Gregg Krech, Die Kraft der Dankbarkeit – Die spirituelle Praxis des Naikan im Alltag, S. 44/45, einige Beispiele:</em></p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Mein Vater hat die Zeitung gekauft, die ich gelesen habe.</li>



<li>Linda hat mir einen Obstsalat zum Frühstück gemacht.</li>



<li>Ich habe den Pullover getragen, den mir mein Bruder schenkte.</li>



<li>Linda hat das Mittagsgeschirr gespült.</li>



<li>Meine Brille, die mir erlaubt, besser zu sehen</li>



<li>Die Wärme der Ölheizung</li>



<li>Einen Parkplatz vor dem Rathaus</li>



<li>Ein Chiligericht, Wasser und ein Stück Kuchen vom Personal des hiesigen Restaurants usw.</li>
</ul>



<p>An diesen Beispielen sieht man, dass hier nichts ausgesondert wurde nach Gesichtspunkten wie etwa: Das war doch eine Lappalie, das ist doch selbstverständlich, das war doch ihre oder seine Pflicht, es zu tun oder er/sie bekommt ja schließlich Geld dafür.</p>



<p>Man kann diese Fragen gedanklich beantworten, aber noch besser ist es, die Antworten niederzuschreiben, denn durch das Schreiben fallen einem noch mehr Antworten ein; vieles wird einem bewusster.</p>



<p><strong>Übung:</strong> Schreibe nun auf, was du alles am heutigen Tag bekommen hast.</p>



<p>Die zweite Frage im Naikan lautet: <strong>Was habe ich gegeben?</strong></p>



<p><em>Gregg Krech bringt auf S. 45 u. a. folgende Beispiele:</em></p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Ich bin mit Rocky (unserem Hund) spazieren gewesen und habe ihn gefüttert.</li>



<li>Ich habe zwei Zimmerpflanzen gegossen.</li>



<li>Ich habe Linda die Schultern massiert.</li>



<li>Ich habe das Bad geputzt.</li>



<li>Ich habe Barbara eine Tasse Tee gemacht.</li>
</ul>



<p>Man könnte auch hier sagen: Das ist doch alles selbstverständlich, oder das ist mein Job. Aber es ist nicht selbstverständlich, ich habe die Freiheit, all das nicht zu tun und tue es trotzdem für jemand anderen, einen Menschen, ein Tier, eine Pflanze.</p>



<p><strong>Übung:</strong> Schreibe nun auf, was du alles am heutigen Tag gegeben hast.</p>



<p>Die dritte Frage im Naikan lautet: <strong>Welche Schwierigkeiten habe ich bereitet?</strong></p>



<p><em>Beispiele aus demselben Buch von Gregg Krech, S. 46:</em></p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Zwei Leute riefen an, als ich unterwegs war, und mussten auf den Anrufbeantworter sprechen.</li>



<li>Ich habe zu meinem Vater eine Bemerkung über das Wetter und das Fliegen gemacht, auf die er ängstlich reagierte.</li>



<li>Auf der Straße habe ich während der Fahrt ein Eichhörnchen erschreckt.</li>



<li>Als ich am Flughafen nach passendem Kleingeld für den Parkplatz gesucht habe, habe ich mehrere Fahrzeuge hinter mir warten lassen usw.</li>
</ul>



<p>Nun könnte man sagen: Das sind doch auch Lappalien und einiges davon geschah doch wirklich ohne böse Absicht. Oder aber, das liegt doch in der Natur der Sache, natürlich erschrecke ich Tiere, wenn ich Auto fahre, ich überfahre sogar tagtäglich alle möglichen kleinen Lebewesen. Soll ich denn nicht mehr Auto fahren? Oder wenn jemand mich telefonisch nicht erreichen kann, weil ich weg bin, heißt das, dass ich zuhause bleiben soll, damit mich nur ja immer jeder erreichen kann? Selbstverständlich nicht.</p>



<p>Natürlich gibt es auch Schwierigkeiten, die man anderen bereitet, die nicht so absichtslos sind, d.h. man merkt: ‚Damit tue ich jemandem nicht gut‘, aber man kann seinen Impuls nicht beherrschen. Indem es wir es uns bewusstmachen, am besten beim Niederschreiben, verändert sich etwas. So wie das Geben und Nehmen eine Selbstverständlichkeit ist, so ist es im Leben auch nicht möglich, niemals jemandem Schwierigkeiten zu bereiten. Es geschieht täglich, zumindest in der „harmlosen“ Form, denn wir sind nicht vollkommen, und die Welt ist nicht vollkommen.</p>



<p>Naikan bedeutet erhöhte Achtsamkeit, nicht nur in der Frage, was habe ich bekommen und gegeben, sondern auch wo habe ich jemandem Schwierigkeiten bereitet, und es wird nicht moralisch bewertet. Es ist selbstverständlich, dass wir ständig anderen Schwierigkeiten bereiten, auch ohne es zu wollen. Wir sind nicht vollkommen, und die Welt ist nicht vollkommen. Naikan ist eine ganz neutrale, objektive Weise des Betrachtens. Es geht nicht darum, Schuld zu suchen, sondern nur darum, zu merken, was geschehen ist. Es geht um Einfühlung. Wie hat sich der andere gefühlt, weil er meinetwegen warten musste oder erschreckt wurde, auch wenn ich daran völlig unschuldig bin. Wenn man das immer wieder übt, wird man ganz achtsam.</p>



<p>Nun könnte man fragen: Wo ist die vierte Frage, nämlich: „Welche Schwierigkeiten haben mir andere bereitet?“ Die vierte Frage gibt es nicht, denn dass die anderen uns Schwierigkeiten bereiten, das merken wir sowieso, darüber denken wir ja oft genug nach.</p>



<p>Kaum eine Methode kann uns so aus dem Strom negativer Gedanken herausreißen wie Achtsamkeit und Dankbarkeit. Beides gehört zusammen. Aus Achtsamkeit entsteht Dankbarkeit.</p>



<p><strong>Übung:</strong> Schreibe nun auf, welche Schwierigkeiten du jemandem am heutigen Tag bereitet hast.</p>



<p>Man kann auch einen Wochenrückblick oder auch Jahresrückblick machen. Man kann diese Methode in Bezug auf einen bestimmten Menschen anwenden, das kann z. B. die Mutter sein, gerade wenn man mit ihr Schwierigkeiten hatte oder noch hat und wenn die Kindheit so ganz anders verlaufen ist, als man sich das gewünscht hätte.</p>



<p>Manchen Menschen scheint es, dass die Mutter oder auch der Vater ihnen nicht viel gegeben hat. Vielleicht hat sich Mutter nicht wirklich für sie interessiert, vielleicht war sie hart. Gerade wenn die Elterngeneration den Krieg miterlebt hat, sind die Beziehungen zwischen den Eltern und ihren Kindern oft besonders schwierig, und da vor allem die Beziehung, die man als Frau zur Mutter hat. Oft setzt sich dieses schwierige Verhältnis noch in späteren Generationen fort, bis zu den „Kriegsenkeln“. Das mag alles sein, aber im Naikan geht das Augenmerk auf das, was man von der Mutter oder des Menschen, der die Mutter ersetzt hat, bekommen hat. Eigentlich fängt das schon im Mutterleib an. Wer etwa bis zum 20. Lebensjahr zuhause lebte, hat von der Mutter mehr als 7.000 Mittagessen bekommen, 7.000 Frühstücke und 7.000 Abendessen. Das ist alles nicht selbstverständlich.</p>



<p>Warum sind Menschen häufig so undankbar? Ishin Joshimoto nennt Gründe, warum Dankbarkeit misslingt:</p>



<p>Die Achtsamkeit fehlt. Man ist so in seinen eigenen Sorgen und Problemen verfangen, dass man die Geschenke um sich herum nicht wahrnehmen kann.</p>



<p>Es gibt einen Mangel an Reflexion.</p>



<p>Man sagt sich, der oder die andere weiß doch, dass ich dankbar bin.</p>



<p>Man zögert. „Ich werde mich schon irgendwann dafür bedanken“.</p>



<p>Man vergisst sich zu bedanken</p>



<p>Faulheit</p>



<p>„Es steht mir zu! Ich habe ein Recht darauf!“</p>



<p>„Das war doch seine/ihre Pflicht!“</p>



<p>„Diese Mühe des anderen ist doch nicht der Rede wert. Es ist nichts Besonderes.“</p>



<p>„Das war zwar nett von ihr, aber später hat sie mir Probleme bereitet.“</p>



<p>Der Gebende ist nicht da oder nicht bekannt. (Essen, Kleidung, Herd usw.)</p>



<p>Im Naikan wird Dankbarkeit auch ausgedrückt. Man wartet nicht erst auf ein Gefühl der Dankbarkeit, um es dann auszudrücken, sondern man macht es automatisch. Es geht einfach darum, sich bewusst zu werden: „Aha, hier ist wieder ein Grund dankbar zu sein“, und den Dank dann auszudrücken. Sie haben gemerkt, wie genau man es dabei nimmt.</p>



<p>Genau nimmt man es auch, wenn man Dank formuliert. Man sagt nicht einfach nur Danke, sondern „Danke, dass Du mir eine Tasse Tee gebracht hast“, „Danke, dass Du meinetwegen einen Umweg gemacht hast“, usw. Dadurch wird dem Dankenden bewusster, wofür er dankt und der Bedankte wird den Dank auch ehrlicher empfinden. Es kommt also zunächst nicht auf das Gefühl des Dankenden an, aber aus diesen Dankesworten und –handlungen, die man sich angewöhnt, wird schließlich eine Haltung und ein Gefühl, und man wird immer mehr und immer öfter Dank empfinden.</p>



<p>Im Naikan lernt man auch, anstatt sich ständig zu beschweren, zu loben und sich zu bedanken. Wenn man mit der Arbeit einer Firma zufrieden war, ruft man normalerweise nicht dort an, um diese Zufriedenheit auszudrücken, sondern nur, wenn etwas schiefgelaufen ist. Man kann es aber einmal anders machen, nämlich anrufen um zu loben und sich zu bedanken. Der Gesprächspartner wird bestimmt erst einmal hellhörig und wartet schon auf das „Aber“. Doch es kommt kein Aber.</p>



<p>Japaner, die Naikan üben, bedanken sich auch bei Gegenständen, wie z. B. dem Auto, das einen überall hinfährt, bei den Schuhen und der Kleidung, die einem dienen usw. Alle Gegenstände, die wir benutzen, dienen uns ja. Das bedeutet, man denkt nicht nur daran, wer alles an der Produktion des Gegenstandes beteiligt gewesen sein mag, sondern man würdigt auch den Gegenstand selbst. Uns Europäern mag das fremdartig erscheinen, aber auch manche westlichen Menschen empfinden diese Form von Dankbarkeit gar nicht mal so abwegig. Man könnte z. B., bevor man ein Paar Schuhe entsorgt, das einem jahrelang gedient hat, das man aber nun wegen Abnutzung nicht mehr tragen kann, ganz bewusst und vielleicht sogar mit einem Gedanken (und Gefühl) der Dankbarkeit wegwerfen.</p>



<p>Zusammenfassend möchte ich sagen: Im Naikan wird die Frage gestellt: Was habe ich bekommen, und nicht: „Was habe ich nicht bekommen?“ Oder: „Was hat mir das Leben vorbehalten?“ Es ist sehr menschlich und verständlich, dass wir oft daran denken, was wir nicht bekommen haben, was das Leben uns vorenthalten hat, weil wir zutiefst an diesem Mangel leiden. Doch im Naikan macht man eine Wende zum Positiven hin: „Was habe ich bekommen?“</p>



<p>Die zweite Frage: „Was habe ich gegeben?“ hat nicht im Schlepptau die Frage: „Was habe ich nicht gegeben?“ „Wo habe ich versagt?“ „Was hätte ich geben sollen oder können?“ Solche Gedanken treten oft in Bezug auf verstorbene Angehörige auf. Ich würde sagen, diese Gedanken sollen nicht weggedrückt werden, aber immer wieder kann man sich die Frage in Bezug auf diesen Menschen stellen: „Was habe ich gegeben?“ Und die Schuldgefühle werden auf natürliche Weise abnehmen.</p>



<p>Und wie schon gesagt, wird auch nicht gefragt: „Welche Schwierigkeiten hat man mir bereitet?“ Mit dieser Frage würde man nur Gefühle von Verletzung immer wieder ins Bewusstsein holen, was auch wiederum sehr menschlich ist, aber was nicht guttut. Eine Verletzung wahrnehmen ist wichtig, aber sie immer wieder erinnern, hilft nicht, sondern schadet nur. Es wird also nur gefragt: „Welche Schwierigkeiten habe ich soeben, heute oder gestern jemandem, einem Menschen, einem Tier, ja, sogar einer Pflanze bereitet?“</p>



<p>Der Mensch hat die Neigung, das Negative besonders zu bemerken. Das haben wir über Generationen seit Urzeiten gelernt, und diese Neigung hatte und hat eine wichtige Funktion: Sie schützte und schützt uns vor Gefahren, sie bringt uns dazu, das, was nicht in Ordnung ist, in Ordnung zu bringen. Doch oft bleibt man unnötigerweise am Negativen hängen. Trotzdem halte ich es für eine anstrengende und überfordernde Methode, wenn man ständig Jagd auf negative Gedanken macht und sie sofort im Keim ersticken will. Viel natürlicher finde ich die Methode des Naikan. Hier werden wir ganz natürlich auf das Positive gelenkt, und es wird nicht gelehrt, dass wir negative Gedanken nicht haben dürften. Um dankbar zu sein, brauchst du kein glücklicher Mensch sein, aber wenn du dich in Dankbarkeit übst, wirst du glücklicher werden.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Um sich selbst kreisen</title>
		<link>https://carola-justo.de/um-sich-selbst-kreisen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[carolajusto]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 17 Jun 2023 20:20:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vortrag]]></category>
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					<description><![CDATA[Immer wieder hört man, dass Meditation ebenso wie Psychotherapie dazu führen können, dass man ständig um sich selbst kreist. Tatsächlich besteht diese Gefahr. Unter welchen Umständen? Und – zunächst einmal - was bedeutet: um sich selbst kreisen?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>„Solang du nach dem Glücke jagst, bist du nicht reif zum Glücklichsein, und wäre alles Liebste dein.“ (Hermann Hesse)</em></p>



<p><em>„Andre haben Zwecke, Ziele; mir genügt es schon zu leben.“ (H. Hesse)</em></p>



<p>Immer wieder hört man, dass Meditation ebenso wie Psychotherapie dazu führen können, dass man ständig um sich selbst kreist. Tatsächlich besteht diese Gefahr. Unter welchen Umständen? Und – zunächst einmal &#8211; was bedeutet: um sich selbst kreisen?</p>



<p>Der Psychologe Steve Ayan hat u. a. ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Hilfe, wir machen uns verrückt – der Psychokult und die Folgen“ In einem Interview beschreibt er das Um-sich-selbst-Kreisen so:</p>



<p>Da ist das ständige Kreisen um die Fragen: „Nutze ich meine Chancen? Mache ich das Beste aus mir? Was, wenn ich mich jetzt für diesen einen Job, Partner oder Handy-Vertrag entscheide, und dabei könnte es einen viel Passenderen für mich geben? Wir zerbrechen uns den Kopf darüber, wie wir das Bestmögliche aus allem herausholen. Das raubt uns die Ruhe und Gelassenheit, um zu erkennen, was wir eigentlich haben&#8230; (Sogenannte) Maximizer wollen unter allen Optionen immer die beste finden. Sie werden häufiger depressiv, weil sie beständig das Gefühl plagt, nicht die beste Chance genutzt zu haben. Ich glaube, dass wir uns oft zu sehr mit uns selbst beschäftigen. Die ständige Konzentration darauf, wie es mir geht, ob mir mein Job die Erfüllung bringt, oder ob ich mit dem richtigen Partner zusammen bin, führt letztlich dazu, dass ich immer unzufriedener werde. Studien belegen, dass Menschen, die sich stark darauf konzentrieren, zufrieden zu sein, letztlich weniger Zufriedenheit erleben. Wer ständig darauf achtet, ob er auch ja glücklich ist, nimmt viel stärker wahr, wenn er es mal nicht ist.“</p>



<p>Dabei geht es nicht um die zeitweilige Reflexion über sich selbst und das eigene Leben, die besonders in Krisenzeiten auftritt. Es gibt Zeiten, da ist es nötig, um sich selbst zu kreisen, um eine Neuorientierung zu finden und sich zu fragen: Wer bin ich, was will ich wirklich, wie geht es mir, was fühle ich? Eine zu starke Innenschau jedoch kann die Egozentrik verstärken. Obwohl es auf dem spirituellen Weg darum geht, nicht ständig um das eigene Ich zu kreisen, kann die Egozentrik genau durch spirituelle Praktiken verstärkt werden. Man fragt sich: „Meditiere ich richtig? Bin ich auf dem richtigen Weg? Müsste ich nicht schon weiter spirituell sein?“</p>



<p>Ich las einmal bei Thich Nhat Han, dessen Hauptanliegen bekanntlich die Achtsamkeit ist, dass er sogar versucht, während er seine Bücher oder Gedichte verfasst, sich dessen bewusst zu sein, dass er schreibt. Das halte ich für eine Spaltung der Aufmerksamkeit und eine ungesunde Konzentration auf das Ich, auf das Ich-tue-jetzt-dies-und-jenes. Ich fand meinen Eindruck in den Worten eines buddhistischen Abtes namens W. Rahula bestätigt. Dieser schreibt: „Achtsamkeit oder Gewahrsein bedeutet nicht, dass Sie denken und sich bewusst sein sollten: ‚Ich tue gerade das‘ oder ‚Ich tue gerade jenes‘. Nein – ganz im Gegenteil. In dem Moment, in dem Sie denken: ‚Ich tue gerade dies‘, werden Sie selbstbefangen, und dann leben Sie nicht in der Handlung, sondern Sie leben in dem Gedanken: ‚Ich bin!‘ und infolgedessen wird auch Ihr jeweiliges Werk ruiniert. Sie sollten sich vollständig vergessen und sich in dem verlieren, was Sie tun.“</p>



<p>Diese Worte halte ich für segensreich. Außerdem zeigen Sie doch, dass große spirituelle Meister durchaus Gegensätzliches lehren können und man nichts unhinterfragt annehmen sollte, nur weil es ein spiritueller Meister gelehrt hat. Und auch spirituelle Meister sind Menschen und können sich irren.</p>



<p>Es geht also um Selbstvergessenheit. Auch dazu sagt Steve Ayan etwas Aufschlussreiches: „Wir leben sicher in einer Zeit des Bewusstseinskults. Alles wollen wir bewusstmachen: bewusst entscheiden, bewusst essen, bewusst atmen. Ein Konsumententypus steht exemplarisch dafür: Die Lohas – abgekürzt für Life of Health and Sustainability <em>(zu Deutsch: ein gesundes, nachhaltiges Leben)</em>. Lohas sind Perfektionisten, die sich ständig selbst beobachten im Streben nach dem großen Glück und dem perfekten Ich. Kein Mensch will Probleme haben, das ist vollkommen natürlich. Aber negative Gefühle erscheinen uns in unserer auf Leistung und Effizienz getrimmten Gesellschaft nicht länger hinnehmbar… Ich empfehle mehr Selbstvergessenheit, denn selbstvergessen lebt es sich leichter. Das ist zugegebenermaßen zunächst eine paradoxe Aufforderung so wie: Nimm dir vor, spontan zu sein! Aber wir können uns solche Momente, in denen wir komplett abschalten, bewusst schaffen. Etwa indem wir uns verabreden, Sport machen, Musik hören, Yoga machen oder einfach in den Bus setzen und durch die Stadt treiben lassen. Momente, in denen wir uns hingeben können, Momente, die nicht &#8222;genutzt&#8220; werden müssen. Wenn ich nicht ständig um mein Problem kreise, erscheint es mir vielleicht auch nicht mehr so gravierend. Es lohnt sich, das zumindest auszuprobieren. Der Schuh drückt eben umso mehr, je stärker ich mich darauf konzentriere.“</p>



<p>Wenn man z. B. unter Tinnitus leidet und immer wieder nach innen hört, dann stört das Ohrgeräusch noch viel mehr oder ein drückender Schuh schmerzt mehr, wenn wir darauf achten. Oder wenn man unter Schlafstörungen leidet und sich beim Einschlafen damit beschäftigt, wie man es doch am besten schaffen könnte einzuschlafen, dann wird man wachbleiben. Eine vorhandene Depression verstärkt sich, wenn wir nach innen schauen zu dem depressiven Gefühl hin und uns dort länger aufhalten anstatt gleich nach außen zu schauen und nach außen aktiv zu werden.</p>



<p>Im Grunde empfiehlt auch Ayan meditatives Tun, aber ohne den Hintergedanken: „Und – fühle ich mich jetzt auch glücklich?“ Steve Ayan selbst hat sich damit zufriedengegeben, dass er nie exakt so sein wird, wie er gern wäre. Und er sieht auch das Bemühen darum, alles bewusst auszuführen, bewusst zu essen, bewusst zu atmen usw. als problematisch.</p>



<p>Meine eigene Erfahrung ist die, dass Menschen, die den Atem kontrollieren wollen, auch das Leben kontrollieren möchten. Viele Menschen, die in Yogakursen Atemübungen gelernt haben, können nicht mehr natürlich atmen, wenn sie Meditation erlernen, weil man sich dabei auf den ganz natürlichen Atemfluss konzentriert.</p>



<p>Der Anspruch, (fast) immer achtsam sein zu sollen oder zu müssen, kann zu Stress führen. Wird das Bemühen um Achtsamkeit anstrengend, bedeutet das, dass wir an der Achtsamkeit an sich festhalten und somit selbstbefangen sind. Es bedeutet, wir sind unzufrieden mit uns selbst, wir haben den Eindruck, unserem Ich-Ideal nicht zu entsprechen, wir sind also im Ich befangen. Wir machen uns zudem unglücklich, indem wir mit einem schlechten Gewissen durch den Tag gehen, das daher rührt, weil wir es nicht geschafft haben, unsere Arbeiten achtsam auszuführen.</p>



<p>Keinesfalls, so rate ich in Übereinstimmung mit den Worten von W. Rahula, sollten wir Achtsamkeit in der Weise praktizieren, dass wir permanent versuchen, ganz bewusst unser Handeln wahrzunehmen: „Jetzt bügle ich, jetzt rieche ich an der Blume“ – nein: Wenn wir wirklich achtsam sein wollen, dann ist es gut, wenn wir aus uns herausgehen, indem wir die Schönheit einer Blume sehen und ihren Duft wahrnehmen. Wir bügeln und fühlen die Wäsche, den Dampf, wir hören die Geräusche. Wir nehmen die Sinneseindrücke auf, wir gehen sozusagen von uns weg in die Außenwelt und so werden wir selbstvergessen oder besser gesagt: ich-vergessen.</p>



<p>Für Menschen, die sehr stark im Außen leben, kann es förderlich sein, sich mehr mit sich selbst zu beschäftigen, also durchaus einmal gewissermaßen um sich selbst zu kreisen. Aber gerade in der „spirituellen Szene“ besteht eher die Gefahr einer zu starken Innenschau, einer zu starken Selbstbeobachtung.</p>



<p>Das gilt mindestens genauso für Menschen, die eine lange Psychotherapie durchlaufen haben. Gerade eine Psychoanalyse kann ja bis zu zehn Jahre dauern mit wöchentlich zwei bis drei Sitzungen. Hier ist die Gefahr besonders groß, nach einer so lange andauernden Phase der Innenschau nicht mehr von sich selbst loszukommen.</p>



<p>Die übersteigerte Innenschau macht nicht glücklich, im Gegenteil: Es ist die Selbstvergessenheit, die glücklich macht. Selbstvergessenheit, so sagt uns der Glücksforscher Czikszentmihalyi, lässt unser Ich vorübergehend verschwinden, danach taucht es wieder auf, und der Mensch fühlt sich gestärkt, glücklicher und mehr in seiner Mitte. Nicht die ständige Suche nach Glück macht glücklich, sondern wenn wir den Gedanken loslassen: „Ich müsste doch eigentlich glücklich sein, warum bin ich jetzt so traurig, so ängstlich, so unzufrieden“, wenn wir solche Gedanken und Gefühle loslassen, dann können wir glücklich oder zumindest zufrieden werden, zumindest eine Weile. (Positive Gefühle bleiben sowieso kürzer als negative.)</p>



<p>Und manchmal ist es auch sinnvoll, nicht nach den Ursachen der unerwünschten Gefühle zu suchen, vor allem dann nicht, wenn sie einem rätselhaft erscheinen. Was allerdings bei plötzlich auftauchenden belastenden Gefühlen helfen kann, ist die Frage: „Welchen Gedanken hatte ich gerade kurz bevor dieses Gefühl aufgetaucht ist?“ Manchmal ist es nämlich nur ein einziger Gedanke, der ein unangenehmes Gefühl hervorruft, und holen wir ihn in die Erinnerung, merken wir, was er angerichtet hat. Wenn es uns dann gelingt, den Gedanken zu entschärfen, wird sich auch das unangenehme Gefühl auflösen.</p>



<p>Ich meine, Achtsamkeit sollte nicht forciert geschehen. Anstatt ständig zu versuchen, achtsam zu sein, ist es ratsamer, die Augenblicke nicht zu übergehen, in denen wir gerade nichts zu tun haben. Diese können wir als Gelegenheiten nutzen, still zu sitzen, zu schauen, zu lauschen und einen Duft in uns aufzunehmen anstatt die Zeit sofort mit Aktivität oder einer Geräuschkulisse auszufüllen.</p>



<p>Solche bewussten Momente sind etwas Anderes als die übersteigerte Selbstbeobachtung, die ungesunde Beschäftigung mit den eigenen Problemen, das Grübeln, sich Sorgen machen, ständig Gefühle analysieren wollen, immer und überall das Beste für sich herausholen wollen, sei es geistig oder materiell.</p>



<p>Meditation kann ebenfalls eine zu starke Selbstbeobachtung und Beschäftigung mit sich selbst verstärken, wenn man in einer ichzentrierten Haltung in die Meditation geht. Es kommt immer darauf an, in welcher Haltung man in die Meditation geht, inwieweit man selbstverliebt ist oder aber von sich selbst absehen kann. Selbstverliebtheit kann sich verstärken, wenn sie nicht durchschaut wird und man sich stark mit dem eigenen Innenleben beschäftigt.</p>



<p>Darum geht es ja in der Meditation: von sich selbst absehen. Nicht in den Gedanken und Gefühlen hängenbleiben, sondern sie zwar schon wahrnehmen, aber sie immer wieder loslassen. Im Kreisen um sich selbst lässt man sich nicht los, anders gesagt: Man kommt nicht in die Mitte, sondern man kreist ständig wie in einem Karussell am äußeren Rand.</p>



<p>Menschen, die Meditation praktizieren und eine höhere Macht über sich annehmen und anerkennen, haben es leichter, nicht in sich selbst hängenzubleiben, vor allem wenn die Meditation einen Bezug zu dieser höheren Macht hat. Antoine de Saint Exupery sagte: „Wenn nichts über dir ist, hast du nichts zu empfangen. Außer von dir selbst. Was aber erhältst du schon von einem leeren Spiegel?“ Das Ich als ein leerer Spiegel. Er ist leer, wenn sich nichts Anderes in ihm spiegelt.</p>



<p>Bei Körperwahrnehmungsübungen gibt es auch zwei sehr unterschiedliche Weisen: Durch achtsame, bewusste Körperwahrnehmung kommen wir in die Mitte. Etwas Anderes ist es, wenn wir auf den Körper wie ein Hypochonder fixiert sind. Es kommt also darauf an, wie wir auf den Körper blicken, und es ist auch eine Frage des Maßes. Wir sind ja auch dadurch in der Mitte, dass wir Extreme vermeiden.</p>



<p>Bei einer starken Neigung zur Innenschau, die leicht zu Depression führen kann, hat Viktor Frankl eine Methode eingesetzt, die er Dereflexion nannte. In der Dereflexion wird die Aufmerksamkeit von den hochgradig reflektierten Vorgängen abgezogen und auf Sinnmöglichkeiten hingelenkt. Dereflexion soll nicht dafür verwendet werden, Probleme wie z.B. innere Konflikte, oder Schuldgefühle zu übergehen. Man distanziert sich von seinen Stimmungen, Gedanken und Gefühlen, ähnlich wie in einer &#8211; in der rechten Haltung &#8211; geübten Meditation. Durch die Dereflexion sollen wir aus der selbstschädigenden Selbstbeobachtung herauskommen und wieder zu einer größeren Offenheit zurückfinden, zur Selbst-Transzendenz, anders gesagt: zu Selbstvergessenheit und zum Von-sich-selber-Absehen.</p>



<p>Der Psychologie Ralph Schlieper-Damrich sagt über Viktor Frankls Therapie, die sich Logotherapie nennt: Das eigene Ego wird vergessen, und man gewinnt die Fähigkeit, „einen Beitrag für etwas oder jemanden zu leisten, der man nicht selbst ist. Selbstvergessenheit ist eine hohe Kompetenz – sie bewahrt den Menschen davor, zu&nbsp;viel Augenmerk auf sich, seine Probleme, Störungen oder die Krisensituation zu lenken. In einer solchen Form der ‚Hyperreflexion‘ (Um-sich-selber kreisen, eigene Anmerkung) gedeihen letztlich Spiralen der Angst, der Selbstwertminderung, des Rückzugs und vieler anderer psychischer Symptome…“</p>



<p>In der Logotherapie wird daher angestrebt, die Person von ihrer übermäßigen Selbstaufmerksamkeit zu lösen, also eine Dereflexion herbeiführen. Dazu wiederum braucht es einen guten Ersatz, der die frei gewordene Aufmerksamkeit erhält. (Eigene Anmerkung: Die Aufforderung „schau nicht ständig zu Dir hin“ genügt nicht, denn die Aufmerksamkeit braucht einen Ersatz und muss woanders hingelenkt werden.) ‚Hin zum Sinn‘ ist dabei die erwünschte Richtung. Findet der Mensch Sinn, kann die ständige Selbstbeobachtung, das übermäßige Grübeln, die Schlechtrede in eigener Sache usw. aufhören. Es ist nun die therapeutische Kunst, beides zu schaffen, einen Prozess der Dereflexion einerseits und einen Prozess der Sinnfindung andererseits.“</p>



<p>Zusammenfassend gesagt: Weg vom Kreisen ums Ego hin zu einer Aufgabe, in der der Mensch Sinn erfährt. Viktor Frankl sagt: „Nur in dem Maße, in dem der Mensch solcherart sich selbst transzendiert, verwirklicht er auch sich selbst: im Dienst an einer Sache – oder in der Liebe zu einer anderen Person &#8230; <strong>Ganz er selbst wird er, wo er sich selbst übersieht und vergisst.</strong>”</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Schauen</title>
		<link>https://carola-justo.de/schauen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[carolajusto]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 17 Mar 2023 17:03:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vortrag]]></category>
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					<description><![CDATA[Das, was wir hören, spricht das Gefühl stärker an als das, was wir sehen. Letzteres spricht stärker den Verstand an. Und doch gibt es unterschiedliche Qualitäten des Schauens, wie Franz Jalics im obigen Zitat andeutet.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>„Worin liegt der Unterschied zwischen Beobachten und Schauen? Schauen ist selbstlos, Beobachten sucht etwas für sich. Beobachtet man, will man wissen und Information besitzen. Man will etwas erreichen, z. B. Erkenntnis. Das bloße Schauen dagegen will nichts erreichen. Vom Schauen kommt Liebe zum Angeschauten&#8230; Vom Anschauen kommt Ruhe. Die Ruhe bringt Toleranz.“ (Franz Jalics)</em></p>



<p>Das, was wir hören, spricht das Gefühl stärker an als das, was wir sehen. Letzteres spricht stärker den Verstand an. Und doch gibt es unterschiedliche Qualitäten des Schauens, wie Franz Jalics im obigen Zitat andeutet.</p>



<p>Einmal machte ich im Kloster eine Wahrnehmungsübung mit Muscheln. Eine Teilnehmerin sagte am Schluss: „Als wir mit dieser Übung begannen, dachte ich mir: Na ja, das habe ich ja schon mal gemacht. Die Übung kenne ich. Aber dann war das eine ganz neue Erfahrung für mich. Ich sah die Vollkommenheit der Muschel und verliebte mich regelrecht in sie. Immer wieder während des Tages ist mir das Bild der Muschel aufgetaucht.“</p>



<p>„Vom Schauen kommt Liebe zum Angeschauten.“ Vom Beobachten kommt keine Liebe. Wenn wir beobachten, wollen wir kontrollieren. Es gibt Menschen, die sich selber sehr stark beobachten, und das bedeutet: Sie haben eine (zu) starke Selbstkontrolle. Im Beobachten gehen wir auf Distanz. Wir sind im Kopf.</p>



<p>Wenn wir dagegen in unserer Mitte verankert sind, dann wird auch unser Schauen selbstloser sein, wir schauen dann nicht mit dem Adlerblick. Das Gegenteil vom Adlerblick ist der weiche, meditative Blick. Beatrice Grimm schreibt über diesen Blick: „Es ist nicht dieses aktive ‚Alleserhaschenwollen‘ oder das anstrengende ‚Janichtsverpassen‘. Es ist ein Nichtwerten, ein Sichwundern und Staunen.“</p>



<p>„Schauen ist selbstlos, Beobachten sucht etwas für sich&#8230; Man will etwas erreichen, z. B. Erkenntnis. Das bloße Schauen dagegen will nichts erreichen“, sagt Franz Jalics. Wenn wir uns in der Meditation beobachten, so in etwa: „War ich jetzt gedankenfrei? Wie lange war das wohl? Wie viele Sekunden? Was ist eigentlich normal? Wie ist das bei den anderen? Wie viele Sekunden oder Minuten müsste ich denn nach ein paar Wochen oder Monaten regelmäßiger Meditationsübung geschafft haben?“ dann sind wir nicht selbstlos, wir wollen etwas erreichen wie ein Leistungssportler. Wenn wir uns aber mit einem wohlwollenden Blick, nicht mit dem Adlerblick anschauen, dann merken wir vielleicht, dass wir ziemlich zerstreut waren, aber es macht nichts. Wir brauchen ja nichts erreichen. Wir nehmen uns an. Wir bemühen uns zwar, aber wir strengen uns nicht an, wir gehen also nicht streng und abwertend mit uns um.</p>



<p>Wie wir mit uns umgehen, so gehen wir meistens auch mit anderen um. Haben wir anderen gegenüber eher einen wohlwollenden, liebevollen Blick oder einen kritischen? Eine Kindergärtnerin, die eine Ausbildung zur Waldorferzieherin machte, erzählte, dass sie Schwierigkeiten mit einem Kind in der Gruppe hatte, das oft unangenehm auffiel. Da wurde ihr von der Ausbilderin der Rat gegeben: „Schau dieses Kind immer wieder an, jedes Detail. Wenn es ins Spiel versunken ist, so dass es nicht merkt, dass du es anschaust, betrachte sein Haar, seine Augenbrauen, die Beschaffenheit der Haut usw. Wenn du das immer wieder tust, wirst du das Kind lieben lernen.“ Vom Anschauen kommt Liebe zum Angeschauten. Vom Wahrnehmen kommt Liebe zum Wahrgenommenen.</p>



<p>Ein Mann, der in einem meiner Kurse im Kloster am Spaziergang mit Wahrnehmungsübungen teilnahm, weigerte sich, die Bäume zu befühlen und zu umfassen. Er sagte darüber im Erfahrungsaustausch am Ende des Kurses: „Ich bin Landschaftsarchitekt und war mal Gärtner, ich weiß, wie sich Bäume anfühlen.“ Es geht ja nicht darum, etwas Neues zu entdecken oder eine Information zu bekommen, sondern es geht um das Fühlen, und das ist auf eine andere Weise immer neu, es ist nie langweilig. Wie gesagt, ist uns nie langweilig, wenn wir ganz in der Wahrnehmung verweilen.</p>



<p>Wenn wir etwas berühren, betasten, dann sehen wir es auch deutlicher. Wir sehen jedes Detail, das uns vielleicht entgangen wäre, wenn wir den Gegenstand nur angeschaut hätten.</p>



<p>Der letzte Satz des Zitats lautete: „Vom Anschauen kommt Ruhe. Die Ruhe bringt Toleranz.“ Vom Anschauen kommt Gedankenruhe. Wenn unsere Gedanken verebben, wird die Stille aus einer tieferen Schicht unseres Wesens nach oben kommen. Auch unsere Urteile ruhen dann. Deswegen werden wir tolerant – in einem umfassenden Sinn des Wortes. Wir können die Dinge und die Menschen so sein lassen, wie sie nun mal sind.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Empfehlung für den Alltag &#8211; Wahrnehmung einer Muschel</h4>



<p>Nimm eine Muschel in die Hand. Wenn du keine hast, nimm einen Stein, ein Blatt oder irgendeinen kleinen Gegenstand.</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Halte die Muschel (oder den Stein, das Blatt etc.) in der hohlen Hand und spüre ihr/sein Gewicht.</li>



<li>Schaue dir die Muschel genau an. Betrachte alle Seiten.</li>



<li>Schließe die Augen und betaste die Muschel von allen Seiten.</li>



<li>Öffne die Augen und betaste sie. (Vielleicht fallen dir jetzt Details auf, die du vorher beim Betrachten ohne Betasten gar nicht gemerkt hast.)</li>



<li>Schließe wieder die Augen und lege die Muschel an die Wange. Wie fühlt sie sich an der Wange an?</li>



<li>Führe die Muschel an das Ohr. Lausche in die Öffnung der Muschel. Wenn Du einen anderen Gegenstand als eine Muschel hast, halte ihn trotzdem an das Ohr und lausche. Alle Gegenstände sind still. Sie strahlen Stille aus. Lausche auf diese Stille des Gegenstandes.</li>



<li>Führe dann die Muschel mit geöffneten oder geschlossenen Augen zur Nase und rieche daran.</li>



<li>Halte die Muschel in der hohlen Hand und schaue sie nochmal an.</li>
</ul>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
	</channel>
</rss>
